Projektgruppe "Sprache und Demenz"

 

Projektgruppe:

Projektbeschreibung

 

Um offen zu sein, 
ich fürchte, ich bin nicht bei vollem Verstand. Mir scheint, 
ich sollte Euch kennen, und diesen Mann auch, doch ich 
bin im Zweifel; denn ich bin völlig im unklaren, was 
für ein Ort dies ist, und alle Kenntnis, die ich habe, erinnert 
sich nicht an diese Kleider; auch weiß ich nicht, wo 
ich letzte Nacht gewohnt habe. 

(W. Shakespeare, King Lear, Act IV, Scene 7)

Der dementielle Zustand, die Verwirrung, welche das bei Menschen auslöst, wird durch das Zitat aus König Lear wohl treffend beschrieben.

In epidemiologischen Studien wird in Modellrechnungen für das Jahr 2000 von sehr hohen Prävalenzraten ausgegangen: So werden Prävalenzraten für Demenz zwischen 5 % und 15 % bei den über 65Jährigen angenommen. Die WHO (Weltgesundheitsorganisation) geht bereits heute (August 1996) von weltweit ca. 22 Millionen Menschen mit dementiellen Syndromen aus. Für Deutschland nimmt man zwischen 1,4 und 2 Milionen Demenzkranke an.

Die Diagnostik des Demenz wird insbesondere durch die folgenden Unsicherheitsfaktoren erschwert:

Dies vereint sich häufig in negativer Weise mit der Stigmatisierung dementieller Syndrome, die dazu führt, daß auch in offensichtlichen Fällen eine Diagnose Demenz erst sehr spät gestellt wird.

Für den Kliniker sind sprachpathologische (neuro-linguistische) Betrachtungsweisen für die folgenden Bereiche von unmittelbarem Interesse:

Einige zusätzliche Hinweise zu zu den einzelnen Punkten:

Die Frühdiagnostik dementieller Syndrome scheint das gravierende Problem der Demenzforschung zu sein: Eine frühe Diagnose ist aus zwei Gründen von Bedeutung:

Erstens: Dementielle Erkrankungen sind nur dann therapeutisch beeinflußbar, wenn die Betroffenen möglichst in einem frühen Stadium therapeutischen Interventionen zugeführt werden können.

Als zweites Problem der frühen Diagnose triff das sog. "Eisberg-Phänomen" auf. "In der Praxis werden 80 % der Frühdiagnosen durch den Hausarzt nicht gestellt", schreibt Bernd Fischer (der Nestor der Demenztherapie in Deutschland). Es wird deutlich, daß es für die große Anzahl praktisch nicht erkannter dementieller Syndrome entweder an diagnostischem Instrumentarium oder/und an Wahrnehmungssensibilität fehlt.

Die derzeitigen Therapieangebote, insbesondere die Sprach- und Kommunikationstherapie bei Dementen, sind mit Fug und Recht als mangelhaft zu bezeichnen. In den meisten Therapiekonzepten für Demenzen (so es sie denn überhaupt gibt) finden sich die Stichworte "Sprachtherapie (Logopädie)" bzw. "Kommunikationstraining" nicht.

Dies weist auf ein weiteres Problem der Beschäftigung mit Demenz und dementieller Sprache hin: Neurolinguistische Untersuchungen müssen erst noch einen wichtigen Beitrag zur Differenzierung bzw. Entzerrung eher 'unsicherer' und rein begrifflich zugeordneter Parallelen zu Aphasikern leisten. Die verwirrende (wenn nicht falsche!) Bezeichnung der dementiellen Sprachpathologie als "Aphasie" hat darüberhinaus dazu geführt, daß sowohl im Hinblick auf die Diagnostik als auch im Hinblick auf die Therapie(planung) die 'falschen Fragen' in die Forschung getragen wurden.

In der Regel wurde die Sprachpathologie der dementiellen Syndrome im Rahmen eines teilleistungesorientierten Konzepts als ein mehr 'randständiges Problem' angesehen. Bisher sind diese "Sprachsymptome" dann im Sinne einer 'Teilleistungsstörung', die wenn, dann erst sehr spät auftritt, eingeordnet worden. Verkannt wurde dabei offensichtlich, daß gerade Kommunikationsauffälligkeiten schon sehr früh (meist von den Angehörigen retrospektiv) als Symptom geschildert werden.

Sprachabbau und Demenz

Sprache wird in der jüngsten Literatur immer als differentialdiagnostisches Kriterium für ein dementielles Syndrom mit aufgeführt, wenn auch meist mit unscharfen Begriffen besetzt.

Das DSM-IV definiert den Abbau sprachverarbeitender Prozesse als ein wichtiges Achsen-Symptom bei dementiellen Syndromen. In der komplexen kognitiven Leistung der Produktion von Sprache liegt ein möglicher wichtiger Indikator für Schweregrad und Ausprägung eines dementiellen Syndroms.

Bei der Analyse der Literatur ist auffallend, daß die meisten Autoren Störungen des 'semantischen Apparates' postulieren, bei noch erhaltenen morphosyntaktischen Fähigkeiten. Untersuchungsergebnisse hierzu stammen jedoch nahezu immer aus testpsychologischen Untersuchungsdesigns. Beobachtungen in der Klinik und der Angehörigen widersprechen diesen Daten.

Es ist unsere Ansicht, daß durch die Analyse der Sprachverarbeitung und des Gesprächsverhaltens ein wichtiger Beitrag zur Klärung verschiedener differentialdiagnostischer Fragen zu leisten ist, da wir davon ausgehen, daß sich im komplexen Prozeß der Sprachverarbeitung und des Gesprächsverhaltens die komplexen neuronalen Prozesse eines scheinbar 'wilden Abbaus' neuronaler Aktivität am deutlichsten abbildet.

Das Projekt hat sich zum Ziel gemacht, die Daten der testpsychologischen Designs nachzuvollziehen und neue Sichtweisen über den Sprachabbau bei dementiellen Syndromen zu gewinnen.

So wurden in einer Reihe von Pilotstudien zum einen die Literatur umfangreich aufgearbeitet und zum anderen verschiedene Parameter der Sprachverarbeitung Dementer analysiert.

Besonderen Wert wurde auf das Herausarbeiten von Parametern gelegt, die geeignet scheinen, die Sprachverarbeitung bei dementiellen Syndromen zu beschreiben und gegen andere Pathologien abzugrenzen.

Die Arbeit von Markus Gress-Heister bekam 1996 den "Preis für Hirnforschung in der Geriatrie" des Zentrums für Alternsforschung (Universität Witten/ Herdecke) zugesprochen.

Michael Schecker wurde für seine Studien zum Sprachabbau bei Alzheimerscher Erkrankung mit dem "Memory-Preis 1998" geehrt.

In einer derzeit laufenden umfangreichen Gruppenstudie sollen die erarbeiteten Parameter in einem komplexen Untersuchungsdesign verifiziert und interpretiert werden.


Im Zusammenhang mit dem o.g. Forschungsprojekt wird eine Volltextdatenbank zur Sprache und Demenz erarbeitet.


Publikationen und Vorträge: