Rezensionen - Übersicht

Günter Kochendörfer:
Nilsson, Lars-Göran & Markowitsch, Hans J. (1999 eds.):
Cognitive neuroscience of memory.
1999 Hogrefe & Huber PublishersSeattle, Toronto, Bern, Göttingen; 1. Auflage
ISBN 0-88937-213-6; 307 S.

Dieser Sammelband geht auf eine Konferenz zurück, die im Sommer 1997 in Stockholm stattgefunden hat. Er versammelt nicht nur eine Reihe bekannter Namen von Tulving bis Markowitsch, sondern vermittelt ein breites Spektrum moderner Gedächtnisforschung im Paradigma der "cognitive neuroscience".

Wie in dem "foreword" von F. Craik besonders betont wird, sind die modernen bildgebenden Verfahren ("fuctional neuroimageing") für die Mehrzahl der Beiträge ein wichtiger Integrationspunkt und es geht letztlich allgemein um die Problematik des Brückenschlags zwischen "mind" und "brain". Was die Inbezugsetzung von "mind" und "brain" angeht ist allerdings heranzuziehen, was in dem beruhigend offenen Rückblick von Markowitsch und Nilsson am Ende des Bandes steht: "In spite of this promising framework there are still more unresolved than resolved problems in the field of cognitive neuroscience of memory. Most remote from a satisfying answer is the question of memory representation in the brain. Theories and hypotheses range from modifications of the 'grandmother cell' concept via cell assemblies ... and networks ... to holographic ideas." (S. 272)

Selbstverständlich ist die Menge der ungelösten Probleme immer größer als die Menge der gelösten, man sollte aber beachten, welcher Bereich hier Schwierigkeiten macht. Wenn wir das Stichwort "bildgebende Verfahren" wörtlich nehmen, heißt das, daß; wir zwar mit den eleganten technischen Hilfsmitteln etwas sehen, aber nicht wissen w a s ; wir sehen, also - etwas weniger plakativ ausgedrückt - das, was wir sehen, nicht interpretieren können. Einige der Beiträge, auch solche, die sich nicht auf bildgebende Verfahren beziehen und die in Bezug auf die Repräsentationsproblematik durchaus nicht problemlos auf einen Nenner gebracht werden können, wirken vor diesem Hintergrund dann doch etwas spekulativ (S.-C. Li und U. Lindenberger; J. Delacour; L. Nyberg; G. Dalla Barba), andere liefern Resultate, die in ihrer Unschärfe wenig überraschend sind (so der an sich sehr interessante Beitrag über den Hippokampus von K. Henke und letzlich auch E. Tulving mit seiner Reformulierung des HERA-Modells). Wenn wir am Ende des Beitrags von D. Perani lesen, daß PET-Experimente Ergebnisse bringen, die aufgrund von Läsionsstudien nicht unbedingt zu erwarten waren, muß auf dem Hintergrund der ungelösten Repräsentationsproblematik wieder entschieden werden, was man da eigentlich sieht. Ein mittlerer Block von Beiträgen, der sich speziell mit Amnesien beschäftigt, wird von dieser Kritik weniger betroffen (H. J. Markowitsch; G. A. Carlesimo).

Der Bericht von L.-G. Nilsson über die großangelegte Betula-Studie ist nicht, wie die anderen Beiträge, theoretisch orientiert. Insgesamt ein sehr nützliches Buch, gerade dadurch, daß es zeigt, wo Ansätze für zukünftige Forschung vielleicht liegen könnten. Inhalt: Fergus Craik: Foreword Lars-Göran Nilsson & Hans J. Markowitsch: Preface Lars-Göran Nillsson & Hans J. Markowitsch: Cognitive neuroscience of memory Endel Tulving: On the uniqueness of episodic memory Lars Nyberg: Functional neuroanatomy of component processes of episodic memory retrieval Daniela Perani: The functional basis of Memory: PET mapping of the memory systems in humans Katharina Henke: The roles of the hippocampus in memory Shu-Chen Li & Ulman Lindenberger: Cross-level unification: A computational exploration of the link between deterioration of neurotransmitter sytems and dedifferentiation of cognitive abilities in old age Lars-Göran Nilsson: Aging, dementia, and memory Gianfranco Dalla Barba: Confabulation and temporality Hans J. Markowitsch: Stress-related memory disorders Giovanni A. Carlesimo: Perceptual and conceptual components of repetition priming in anterograde amnesia Jean Delacour: The memory system and brain organization: From animal to human studies

Günter Kochendörfer

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Svantje Zachau:
Marco Mumenthaler
Fallgruben in der Neurologie.
2001 Georg Thieme Verlag, Stuttgart, New York; 1. Auflage ISBN 3-13-126411-X; 29,95 €; 114 S.; 50 Abb.

Dieses Buch bietet die etwas andere Fortbildung verkündet der Umschlagtext von Mumenthalers „Fallgruben in der Neurologie“. Das außergewöhnliche Sammelsurium von 50 Fallbeispielen neurologischer Beschwerdebilder richtet sich im Besonderen an junge Ärzte, denen der Autor die Stolperfallen der umfassenden neurologischen Anamnese sowie diverse differentialdiagnostische Notwendigkeiten exemplarisch vor Augen führt. Das Buch erhebt dabei explizit keinen Anspruch darauf, ein Lehrbuch zu sein oder ein solches zu ersetzen; Kenntnisse über Krankheitsbilder und –symptomatiken sind daher als bekannt vorausgesetzt. Mumenthaler versucht vielmehr Grundlegendes zu vermitteln: diagnostische Umsicht und Vorsicht vor voreiligen Schlüssen, und das ist relevant nicht nur für Ärzte, sondern auch etwa für Therapeuten, soweit sie alltäglich mit Patienten und Diagnosestellung zu tun haben. Zur Sprache kommen dabei die unterschiedlichsten neurologischen Erkrankungen (z.B. Multiple Sklerose, Polyneuropathie, Trigeminusneuralgie uvm.) sowie pathologische Zustände (z.B. Tics, Migräne, Lähmungen uvm.).

Diese mit großer Erfahrung zusammengetragenen Einzelfallbesprechungen sind auch als Audio-CD erhältlich (ISBN 3-13-128661-X, 29,95 €). Mumenthaler bespricht persönlich 33 der außergewöhnlichsten Anekdoten seiner jahrzehntelangen neurologischen Tätigkeit. Besonders verlockend ist das kombinierte Angebot des Buches zusammen mit der Audio-CD für insgesamt 49,95 € (ISBN 3-13-128671-7). Durch welches Medium auch immer, dieses Werk hält, was es verspricht!

Überzeugen Sie sich selbst! Hier einige Hörbeispiele, die allerdings NICHT auf der CD zu finden sind (entnommen www.thieme.de):

Chronische Schmerzen.mp3

Doppelbilder und Nackenschmerzen.mp3

Multiple Sklerose.mp3

Schlagartige Kopfschmerzen.mp3

Trigeminusneuralgie.mp3


Swantje Zachau

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Eva Fuchs:
Suchenwirth, Kunze und Krasney (Hrg.)
Neurologische Begutachtung. Ein praktisches Handbuch für Ärzte und Juristen
2000 Urban & Fischer Verlag, München, Jena; 3., neu bearbeitete und ergänzte Auflage
ISBN 3-437-51476-8; 692 S.; 76 Abb.; 108 Tab.

Bereits in dritter Auflage erschienen, will das Handbuch in bewährter Form Juristen und Ärzten bei der Gutachtenanforderung und –erstellung zur Seite stehen. Weit über 30 namhafte Autoren aus den Fachbereichen Medizin, Psychologie und Jura haben hierfür ein praktisches, anwendungsorientiertes Handbuch zur Neurologischen Begutachtung erarbeitet.

Die Thematik ist hoch relevant. Der Begutachtung von Menschen, die neurologische Schäden durch Erkrankungen oder Unfälle erlitten haben, kommt eine große Bedeutung für die Gesellschaft zu. Denn für einen großen Teil der Bevölkerung werden im Laufe des Lebens kostspielige Rehabilitationsmaßnahmen, Entschädigungszahlungen, Frühberentung oder zumindest sozial verträgliche Abfederungsmaßnahmen notwendig.

Die Herausgeber stellen die gerechte sozialmedizinische Beurteilung als vierte Säule der ärztlichen Tätigkeit neben die Grundlagenforschung, die Diagnostik und die Therapie. Beim Gutachter sind hierzu nosologische Kenntnisse, das Wissen um Untersuchungsverfahren, aber auch zunehmend differenzierte juristische Grundlagen unverzichtbar, um dem Patienten umfassend gerecht zu werden.

Dem Arzt gegenüber steht der Jurist, der ebenfalls zunehmend gefordert ist, den Stand der medizinischen Forschung mit in seine Beurteilung einzubeziehen. Neben häufigeren Fällen, für die die klassische Medizin klare Grundlagen für richterliche Entscheidungen liefert, treten zunehmend andere Fälle auf, die wissenschaftlich noch nicht oder noch nicht ausreichend geklärt sind. Damit jeder Kranke zu seinem Recht kommt, ist es dringend erforderlich, in solchen Fällen die relevanten Informationen zu erhalten. Hierzu soll dieses Handbuch dienen.

In vier Großkapiteln werden Juristische Grundlagen, der Gutachtenauftrag, die allgemeine Durchführung der Untersuchung und die spezielle Begutachtung abgehandelt. Ein ausführlicher Anhang informiert über quantitative Einsstufungen, Abschluß- und Beurteilungsbögen für Versicherungen und gibt Hinweise für die Erstellung eines Gutachtens.

Jedes Kapitel gliedert sich in Unterkapitel, von denen jedes einzelne übersichtlich dargestellt und mit hilfreichen, speziell hervorgehobenen Tipps, Grafiken und Bildern angereichert ist. Auf juristische Feinheiten wird ebenso eingegangen wie auf differenzierte medizinische Beschreibungen. Alle Texte sind gut verständlich, Fachbegriffe werden anschaulich erklärt, so dass die medizinischen Passagen durchaus für den medizinischen Laien, den Juristen und umgekehrt die Gesetzesvorlagen für den Mediziner nachvollziehbar und vor allem anwendbar sind.

Eva Fuchs

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Konrad Beyreuther; Karl Max Einhäupl; Hans Förstl; Alexander Kurz (Hrsg.):

Demenzen. Grundlagen und Klinik.

Stuttgart: Thieme Verlag 2002.

ISBN 3-13-128971-6

Die Veröffentlichung von Beyreuther et al. bietet hierzu auf   knapp 450 Seiten einen hervorragenden Überblick. Angenehm für den Leser ist das sehr ansprechende Layout - der laufende Text wird durch Abbildungen, Tabellen, Fotos und Zusammenfassungen sinnvoll ergänzt - angenehm ist auch die gelungene Balance zwischen Grundlagenwissen und Hinweisen auf die neueste Forschung. Das heisst: es werden nicht nur "fertige" Fakten präsentiert, sondern die Relevanz der einzelnen Ergebnisse wird kritisch hinterfragt und diskutiert.

Das erste Kapitel widmet sich zunächst den "normalen" Alterungsprozessen - eine schwierige Abgrenzung zu kognitiven Beeinträchtigungen, die im Text auch thematisiert wird. Nach einem Überblick über Epidemologie, Diagnostik und Differentialdiagnostik von Demenzen allgemein werden die einzelnen Formen behandelt - in der Reihenfolge ihrer Relevanz: Alzheimer Demenz, Demenz bei zerebrovaskulären Krankheiten, Frontotemporale lobäre Demenz, Demenz bei subkortikalen Degenerationen mit Bewegungsstörungen, Demenz bei infektiösen Krankheiten, seltene Demenzformen und potenziell behebbare Demenzen. Thematische Überschneidungen einer solchen Gliederung ermöglichen das fokusierte Lesen, was den pragmatischen Gebrauch wesentlich erleichtert.

Im einzelnen sind die Kapitel sehr gut recherchiert - Beispiel: Alzheimer Demenz. Die Erkrankung wird auf den verschiedensten Ebenen excellent beschrieben (molekulare und neuronale Pathologie, Neuroanatomie, Neurophysiologie, Klinik usw.) und doch muss man sagen: leider nur das! Zwar wird auf die "enge Beziehung zwischen "neuronaler Pathologie und Gedächtnisstörung" hingewiesen, aber der Leser bleibt mit den Spekulationen allein, wie diese Zusammenhänge denkbar sind. Wie könnte die Degeneration im cholinergen System die Lern- und Gedächtnsprozesse beeinflussen? Welche Zusammenhänge könnten bestehen zwischen Verlangsamungsphänomenen, wie beispielweise dem abnehmenden Alpha-Grundrhythmus im EEG und der deutlich nachlassenden verbalen Flüssigkeit? Was haben also grundsätzlich die molekularen Veränderungen mit den kognitiven Leistungen zu tun?

Um keine Missverständnisse zu nähren: natürlich sind diese Fragen auch im wissenschaftlichen Kontext nur spekulativ zu beantworten - wenn überhaupt. Doch soll hier nicht unerwähnt bleiben, dass diese Bemühungen interdiszplinärer Zusammenarbeit bereits existieren - unter anderem auch innerhalb des Neurolabors in Freiburg i. Br. Und: natürlich sind erste Hypothesen über das Zusammenwirken von "Biologie" und "Kognition" überaus angreifbar; sie bieten aber gerade deshalb ein grosses Feld für die weitere Forschung. 

Trotz kritischer Bemerkungen bliebt das Fazit: Die Frage der Herausgeber nach dem Sinn eines solchen Werks im Vorwort wird von ihrer Arbeit selbst beantwortet; es hat sich mehr als "gelohnt", "ein aktuelles und umfangreiches Buch über die Demenzerkrankungen in deutscher Sprache zu erarbeiten".

Nicht nur die behandelnden Ärzte können davon profitieren; es bietet auch Studenten einen guten Einstieg und kann darüber hinaus als Grundlage weiterer Recherchen benutzt werden.

Elke Schumann

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Manfred Döpfner, Jan Frölich und Gerd Lehmkuhl:

Hyperkinetische Störungen

Göttingen/Bern/Toronto/Seattle: Hogrefe-Verlag 2000

ISBN 3-8017-1354-7

"Hyperkinetische Störungen" von Manfred Döpfner, Jan Frölich und Gerd Lehmkuhl ist als erster Band in der Reihe Leitfaden Kinder und Jugendpsychotherapie erschienen. Kurz gesagt, es ist ein gelungenes Buch. Warum?

In äußerst kompetenter und kompakter Weise wurde auf 170 Seiten  der aktuellste Wissensstand zum Thema Hyperkinetische Störungen im Kindes- und Jugendalter zusammengetragen. Damit wird der Band der immer aktueller werdenden Tatsache gerecht, dass diese zumeist chronische Erkrankung als eine der häufigsten psychischen Störungen im Kindesalter anzusehen ist. Dabei richtet sich das Buch weniger an Betroffene, deren Eltern, Lehrer oder Erzieher (dafür ist ein Ergänzungsband als Ratgeber Hyperkinetische Störungen von den selben Autoren erschienen), sondern es ist für den praktischen Kliniker bestimmt, der sich tagtäglich in diesem Feld bewegt.

Der Leitfaden ist in insgesamt fünf Kapitel unterteilt:

Im ersten Teil des Bandes wird das von deutschen und internationalen Fachgesellschaften und Arbeitsgruppen  erarbeitete Fachwissen vermittelt. Hierbei kommen neben der Symptomatik auch komorbide und pathogenetische Faktoren zur Sprache. Das Hauptaugenmerk fällt jedoch auf den Verlauf der Erkrankung und die therapeutische Intervention. 

Im Anschluss werden insgesamt vierzehn Leitlinien  für Diagnostik und Verlaufskontrolle, für Behandlungsindikatoren und für die Therapie selbst formuliert. Es gilt hervorzuheben, dass sich dieses und die folgenden Kapitel stark an der klinischen Praxis orientieren und somit dem behandelnden Arzt ein überzeugendes Hilfsmittel an die Hand geben wollen. Selbst Themen wie Elternberatung und Interventionsmöglichkeiten in Familie, Kindergarten und Schule werden ausführlich dargestellt.

Das dritte Kapitel widmet sich der Umsetzung der vorher ausgeführten Leitlinien und beschreibt in prägnanter Weise Verfahren, die für Diagnostik, Verlaufskontrolle und die medizinische Behandlung angewendet werden können. Hierzu wurden im vierten Kapitel eigens Materialien zusammengetragen, die die Umsetzung der diagnostischen und therapeutischen Kriterien erleichtern sollen.

Das fünfte Kapitel jedoch bildet das so genannte i- Tüpfelchen des Buches. Hier wird anhand eines Fallbeispiels eines siebenjährigen Jungen der gesamte Weg von der Befunderhebung bis hin zum Therapieverlauf und den Nachkontrollen ausführlich illustriert. Dabei wird deutlich wie wichtig es ist, anhand der skizzierten Leitlinien ein valides und reliables Instrumentarium vermittelt zu bekommen, das dem Praktiker vor Ort die Arbeit mit den Betroffenen (und deren sozialem Umfeld) verbessern hilft.

Dieses knappe und übersichtliche Buch bietet also aktuelles und praxisnahes Fachwissen und sollte sich in kinder- und jungendpsychiatrischen Kreisen durchzusetzen wissen. Auch für andere Zweige der medizinischen und neurowissenschaftlichen Gebiete stellt es eine gute Ausgangs- und Einstiegsbasis dar, um sich dem spannenden Thema der Hyperkinetischen Störungen zu nähern. Es bleibt abschließend zu wünschen, dass der Band "Hyperkinetische Störungen" allen Medizinern solch ein geeignetes Hilfsmittel darstellt, damit vor allem die betroffenen  Kinder und Jugendlichen davon profitieren können.

Gregor Kohls

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Gerhard Göllnitz

Neuropsychiatrie des Kindes- und Jugendalters

Jena/Stuttgart: Gustav Fischer 1992; 5. überarbeitete und erweiterte Auflage

(seit 1999: Jena/München: Urban & Fischer)

ISBN 3-334-60343-1; DM 198,--; 673 S.; 125 Abb., 45 Tab.

In seinem Vorwort zur 5. Auflage schreibt Gerhard Göllnitz, dass das vorliegende Buch als Lehrbuch und Nachschlagewerk für den Spezialisten der Kinder- und Jugendneuropsychiatrie, Pädiater, Nervenarzt aber auch für besonders interessierte Studenten, Psychologen, Sonderpädagogen und Pädagogen konzipiert ist. Dem Autor ist es durchaus gelungen, für die beschriebene Zielgruppe ein Überblickswerk über die Neurologie und Psychiatrie des Kindes- und Jugendalters vorzulegen.

Das Buch gliedert sich in 37 Kapitel, wobei jedes Kapitel mit einer Literaturübersicht abschließt. Lediglich Kapitel 2 und 3 setzen sich mit der neuropsychiatrischen und somatischen Befunderhebung im frühen Kindesalter auseinander, alle verbleibenden Kapitel widmen sich der kurzen und differenzierenden Beschreibung neurologischer und psychopathologischer Syndrome und Krankheitsbilder, die für das Kind von Bedeutung sind. Dazu gehören u.a. prä-, peri- und postnatale Hirnschäden, Stoffwechselkrankheiten, die einzelne Systeme des ZNS beeinflussen, entzündliche Erkrankungen des ZNS und seiner Häute, Liquorsyndrome, zerebrale Anfallsleiden (Epilepsien), hirnorganische Psychosyndrome, Störungen der geistigen Entwicklung, der Sprachentwicklung und des Sprechens und spezielle psychopathologische Syndrome – um einen kleinen Ausschnitt der Themenvielfalt aufzuführen. Somit erhält der Leser einen breiten Einblick in die Neuropsychiatrie des Kindes- und Jugendalters, der Detailinteressierte wird jedoch enttäuscht sein. Er oder sie muss sich mit den weiterführenden Literaturangaben am Ende eines Kapitels begnügen.

Kapitel 25 beispielsweise beschäftigt sich mit Störungen der Sprachentwicklung und des Sprechens. Bei einem lediglich 30 Seiten umfassenden Teil zu diesem Themenbereich wird jedem schnell klar, dass es sich nur um einen groben Überblick handeln kann. Gerhard Göllnitz ist es jedoch gelungen, das Kapitel gut zu strukturieren und die wichtigsten Störungsbilder anzusprechen. Bevor er diese beschreibt, geht er auf die Funktions- und Leistungsbereiche ein, die notwendig sind, damit sich die Sprache überhaupt ausbilden kann. Es folgt ein kurzer Abriss der kindlichen Sprachentwicklung, wobei der Autor wichtige Faktoren, wie die Rolle des Gehörs, der Augen und des motorisch-kinästhetischen Bereichs, nicht anzusprechen vergisst. Die einzelnen Störungsbilder (z.B. Dysgrammatismus, Dyslalie, Dysarthrie, Stottern, Poltern, Lese-Rechtschreib-Schwäche) werden kurz beschrieben, mögliche Ursachen aufgeführt bzw. diskutiert. Auch mit dem Ausbleiben der Sprachentwicklung bzw. möglichen Ursachen setzt sich der Autor auseinander. Hier und bei anderen Störungsbildern weist er auf die Problematik der Differentialdiagnose hin. Möglichkeiten der Diagnose und Therapie bleiben allerdings eher im Hintergrund.

Der Literaturteil am Ende des Kapitels umfasst hauptsächlich  Publikationen aus den 50er-, 60er- und 70er-Jahren. Für eine überarbeitete und erweiterte Auflage von 1992 rechnet der Leser sicherlich mit aktuelleren Literaturhinweisen.

Das Buch ist verständlich geschrieben und eignet sich daher zum Einstieg in den Themenbereich der Neuropsychiatrie des Kindes- und Jugendalters – auch für Neurolinguisten, die sich mit der Sprachentwicklung bzw. mit Sprachentwicklungsstörungen beschäftigen und sich deshalb mit dieser Thematik befassen möchten.

Carola Grünberger

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Burkhard Fischer: Blick-Punkte: Neurobiologische Prinzipien des Sehens und der Blicksteuerung
Hans Huber Verlag, 1999, ISBN 3-456-83147-1, 302 S., 49,80 DM

Vorab: dieses Buch ist unersetzbar für alle, die sich mit der Neurobiologie des Sehens auseinandersetzen! Sei es als Forscher, sei es Praktiker im klinischen Alltag, so etwa Sprachtherapeuten, die kindliche Sprachentwicklungsstörungen behandeln.

Kundig führt der Autor in die Grundlagen des Sehens ein und vermittelt Basiswissen über das Nervensystem im Allgemeinen und das Sehen im Besonderen, so etwa Aufbau und Funktion des Auges und der Netzhaut, den visuellen Cortex und auch das interessante Thema der optischen Täuschung.
Danach wird das heutige Wissen über Augenbewegungen dem Leser verständlich und auf den Punkt gebracht vermittelt: wie und über welche Hirnregionen werden die Augenbewegungen gesteuert und mittels welcher Maßnahmen können diese erfasst werden. Hier wird dem Leser überblicksartig die empirische Versuchsforschung vorgestellt.
In einem dritten Teil wird der Begriff der "Aufmerksamkeit" aufgearbeitet und kritisch hinterleuchtet, ob und welche Rolle Aufmerksamkeit als Vermittlung zwischen dem sensorischen Prozess der visuellen Wahrnehmung und dem motorischen Prozess der Augenbewegungen spielt. Weiter werden dem Leser theoretische Ansätze und Modelle der Blickforschung vorgestellt.

Unzweifelhaft stellt der vierte Abschnitt dieses lehrbuchartigen Überblicks der Blickforschung den praktischen und bedeutendsten Teil dar: da wird die kindliche und adoleszente Entwicklung der Blicksteuerung aufgearbeitet und über das Lernen und die dynamischen Sehfunktionen hinaus werden auch diagnostische Kriterien der Blicksteuerung herausgearbeitet, so etwa für Schizophrenie und die Alzheimersche Erkrankung.
Die Einschätzung, daß die Blicksteuerung im Bereich der Legasthenieforschung und -behandlung zwar am ausführlichsten erforscht ist, aber von der Medizin trotzdem stiefmütterlich behandelt wird, motiviert den Autor zu einer eigenen und ausführlichen Darstellung des Themenbereichs "Legasthenie". Geschichte und Definition, optomotorische Leseprozesse und die Blicksteuerung bei Legasthenie werden dem Leser klar strukturiert und prägnant dargeboten. Zum Schluß werden Formen des Blicktrainings sowie Verfahren und Geräte vorgestellt, die aus der mehr als 20jährigen Beschäftigung des Autors und seiner Forschungsgruppe mit diesem Thema entstanden sind.

Unverzichtbar ist, um es nochmals zu wiederholen, dieses Buch gerade für Sprachtherapeuten, die kindliche Legasthenie und Lese-Rechtschreib-Störungen behandeln. Darüber hinaus ist es eine exzellente Einführung in das Thema "Blicksteuerung" für Neurologen, Neuropsychologen und Sprachtherapeuten. Ein unkomplizierter und lehrender (nicht belehrender!) Stil tragen dazu bei, daß dieses Buch nicht aus der Hand gelegt wird, bevor nicht die letzte Seite gelesen ist!

Manohar Faupel

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D: G. Stein, S. Brailowsky, B. Will: Brain Repair:
Das Selbstheilungspotential des Gehirns oder wie das Gehirn sich selbst hilft
Georg Thieme Verlag, 2000, ISBN 0-12-256780-3, 130 S., 39,90 DM

Was macht dieses Buch so faszinierend, so lesenswert?
Die Neurowissenschaftler Stein, Brailowksy und Will liefern mt ihrem Buch "Brain-Repair. Das Selbstheilungspotential des Gehirns oder wie das Gehirn sich selbst hilft" neuronale Erklärungsmodelle für das Phänomen, daß unser Gehirn sehr wohl in der Lage ist, sich nach einem schädigenden Ereignis zu reorganisieren, ausgefallene Leistungen zu kompensieren und - dies beweisen die z.T. beachtlichen Erfolge einer sprachtherapeutischen Internvention - sich zu regenerieren.
Gerade z.B. Sprachtherapeuten sollten sich fragen, wie denn der Widerspruch von Lehrbuchmeinung ("Der Verlust von Hirngewebe führt zu einem dauerhaften Verlust von Funktionen") und empirischer Wirklichkeit (Restitution von Aphasikern verschiedensten Schweregrades) aufzulösen ist.

Eine exzellente Einführung in die Geschichte der Hirnforschung und ihre Irrtümer arbeitet auch den Ursprung der o.g. Lehrmeinung eines unwiderruflichen Verlustes heraus: die sog. Lokalisationstheorie. Diese macht einzelne kognitive und motorische Funktionen an bestimmten Hirnregionen fest.
Kapitel 2 beschreibt die Techniken bildgebender Verfahren, die einen Einblick in das lebende und arbeitende Gehirn verschaffen. Der dritte Teil befaßt sich mit den Grundlagen der Molekularbiologie. Hier werden Möglichkeiten vorgestellt, mithilfe genetischer Manipulation Veränderungen der Nervenzellleistung zu erreichen; weiter stellen die Autoren dar, wie das erzielte Wachstum von Nervenzellen beobachtet werden kann.
Die Ausführungen Steins, Brailowksys und Wills kreisen um den zentralen Punkt der "Neuroplastizität". Damit ist die Fähigkeit von Nervenzellen gemeint, chemische und strukturelle Veränderungen zu verarbeiten, die sich z.B. durch einen Schlaganfall oder etwa ein Schädel-Hirn-Traumata ergeben. Dieser adaptiven Fähigkeit, Verletzungen und Krankheit zu bekämpfen, wird in Beschreibungen von Experimenten nachgegangen, die den Einfluß chemischer Substanzen auf das Wachstum und die Regulation von Nervenzellen untersuchen.

Vierter Teil des Buches ist die Beschäftigung mit Veränderungen im Alter. Diskutiert wird dabei die Frage, ob frühe Hirnschädigungen einen geringeren schädlichen Einfluß als spät erworbene Schädigungen haben. Hintergrund dieser Frage ist die damit verbundene prinzipielle Fähigkeit des Gehirns, Schädigungen zurückzubilden.
Auf dieser Thematik aufbauend entwickeln die Autoren Überlegungen zur Therapie von Hirnschädigungen und Manipulationen zum Zwecke des Brain-Repairs. Vorgestellt werden dabei die Möglichkeiten der Hirntransplantation und der Pharmakologie. Kritisch werden dabei aber auch die Unwägbarkeiten und Risiken solcher Eingriffe in das Gehirn hinterleuchtet. Stein, Brailowksy und Will kommen zum Schluß, daß der aktuelle Wissensstand noch nicht ausreicht, Rückbildungsphänomene und therapeutische Erfolge gänzlich zu erklären.
Daß aber Umweltfaktoren und psychologische Kriterien wie Emotion und Motivation einen erheblichen Einfluß auf die Therapie haben, dies so deutlich klarzumachen, ist ein weiteres Verdienst der Neurowissenschaftler. Ein Beleg für solche Überlegungen sind die Erfolge von begleitender kognitiver und Psychotherapie bei medikamentös behandelten Alzheimer-Patienten.

Trotz aller Begeisterung für ihren Fachbereich bleiben die Autoren kritisch: kritisch gegenüber dem unvollständigen Wissen bezüglich der Funktion des Gehirns, aber auch kritisch sich selbst gegenüber. "Was bringen all diese Erkenntnisse dem Patienten?" Diese Intention zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch und macht es so wohltuend lesenswert unter dem Gesichtspunkt der klinischen Relevanz.

Manohar Faupel

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Wolfgang Wendlandt: Sprachstörungen im Kindesalter: Materialien zur Früherkennung und Beratung
Georg Thieme Verlag , 2000, ISBN 3-13-778504-9,147 S., 59,00 DM

Bezeichnenderweise erscheint das Wendlandt- Werk der Reihe „Forum Logopädie" nun in vierter Auflage (Erstauflage 1992). Wer von kindlicher Sprachentwicklung und möglichen Störungen etwas wissen will, für den ist hier die allererste Adresse. Für diejenigen, die in der Beratung sprachlich auffälliger Kinder und deren Eltern tätig sind, sogar ein Muss. Ein direkt an und in der Praxis erprobtes Standardwerk; -inzwischen zum „Klassiker" über kindliche Sprachstörungen avanciert.
Dem Leser präsentiert sich ein durchgehend übersichtlich und ansprechend gestaltetes Lehr- und Lernbuch. Damit begegnet es einem offensichtlich eklatanten Mangel an leicht verständlicher Literatur zum Thema, das für Eltern meist mit der bangen Frage verbunden ist, ob denn die Sprachentwicklung altersgemäß verläuft.
Konsequenzen dieser Diskrepanz von Wissensstand und -verbreitung zeichnr Diskrepanz von Wissensstand und -verbreitung zeichnen sich aus in Unsicherheit sowohl auf Seiten der Eltern sprachauffälliger Kinder als auch bei Fachkräften (Lehrer, Erzieher, Ärzte, Psychologen,...). Kritisch anzumerken ist hier allerdings der fragwürdige Anspruch, solch völlig divergierende Zielgruppen in einem Buch ansprechen zu wollen. Genau hier vermag auch Wendlandt nicht ganz die Brücke zu schlagen: bietet er der Fachgruppe nicht mehr als einen Einstieg in eine sehr viel komplexere Materie, so gelingt es ihm für die Zielgruppe „interessierte Laien und betroffene Eltern" trotz weitgehendem Verzicht auf Fachtermini nur bedingt, die Problematik in adäquater Weise zu vermitteln. Die ausgewählten Materialien befähigen Fachpersonal wie Logopäden, Sprachheilpädagogen , -therapeuten etc., Eltern in kompetenter Weise zu beraten.
Die angeführten Maßnahmen zur gezielten Sprachförderung bleiben nicht im luftleeren Raum, sondern erweisen sich anhand der zahlreichen praktischen Übungen als konkret umsetzbar. Die Verbindung von Theorie und Praxis könnte hervorragender nicht sein.

Jedem Kapitel ist die Einteilung in „Inhalt", „Ziel" und „Einsatzmöglichkeit" vorangestellt, so dass der Leser unmittelbar erkennen kann, inwieweit der jeweilige Abschnitt für ihn von individuellem Interesse ist. Der weithin bekannte „Sprachbaum" erfreut sich weiterer Äste: die imponierenste Neuerung stellt die Integration des Lesens und Schreibens als weitere Komponente des Sprachentwicklungsprozesses dar.
Positiv zeigt sich auch der ebenfalls erweiterte Teil über Handlungshilfen bei mehrsprachig aufwachsenden Kindern. Diese inhaltliche Ergänzung entspricht der gesellschaftlichen Veränderung in allen sprachtherapeutischen Einrichtungen. Damit wird vorhandenen neuen Forschungserkenntnissen auf diesem Gebiet Rechnung getragen - denn auch hier mangelt es enorm an Wissensweitergabe.
Besonders hervorzuheben sind auch die Übersichtstabellen mit zahlreichen Abbildungen und Praxisbeispielen (vor allem in den Kapiteln „Wie Kinder sprechen lernen" und „Zum Ablauf der Sprachentwicklung"). So entfaltet eine Auflistung zu „normaler" und „gestörter" Sprachentwicklung eine umfassende Übersicht der sprachlichen Fähigkeiten in den verschiedenen Altersstufen. Oder wenn im Kapitel „Störungen des Sprechens und der Sprache, Stimmstörungen" ein Kriterienkatalog mit Beispielsätzen aufgeführt wird, dann ergibt das ein kohärentes Bild der Symptome und Unterscheidungsmerkmale einzelner Störungserscheinungen. So wird nicht nur beispielsweise Dyslalie, Alalie, Dysphonie und Dysgrammatismus voneinander abgegrenzt, sondern gleichermaßen ein differenzierter Überblick der Kommunikationsstörung Stottern geliefert. Es sei hier nur am Rande erwähnt, dass sich Wendlandt unter anderem als „Stotter- Experte" auszeichnet. ´
Sinnvolle Verweise auf weiterführende Informationen sowie Literaturangaben dienen einer gezielten Vertiefung einzelner Bereiche. Derlei konkrete Hinweise bieten Hilfestellung bei der nicht immer geradlinigen Suche nach fachlicher Betreuung.
In einem dritten Teil werden in Übungen zur Gruppenarbeit auf Grundlage der bisherigen theoretischen Darstellungen entsprechende Fördereinheiten vorgestellt. Diese ermöglichen vor allem den „Mittlern" konkret-realisierbare Anwendungen im Praxisalltag.
Dieses gelungene Buch wird bis auf kleine Einschränkungen seinen eigenen Zielen (Aufklärung, Information, Entscheidungs- und Arbeitshilfe) gerecht und besticht durch seine Übersichtlichkeit.

Christoph Ritthaler

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Jürgen Tesak: Grundlagen der Aphasietherapie
(Schulz-Kirchner-Verlag, Idstein 1999)

Dr. Jürgen Tesak, seines Zeichens Leiter der Schule für Logopädie der Klinik Bavaria / Kreischa, beweißt mit seinem Buch "Grundlagen der Aphasietherapie", erschienen im Schulz-Kirchner-Verlag (Idstein, 1999), einen Blick für die Belange und Erfordernisse im schulischen und studentischen Bereich.
Er vermittelt zunächst in leicht verständlicher Sprache einiges theoretisches Grundwissen über den Bereich der aphasischen Erkrankungen, legt dann aber den Schwerpunkt auf die therapeutische Praxis und stellt gut gegliedert den Verlauf einer Aphasietherapie von der Diagnose über die therapeutischen Maßnahmen bis hin zur heute unter dem Druck der Kostenträger so wichtig gewordenen Qualitätskontrolle, d. h. der Beurteilung des Therapieerfolges dar.
Ebenso praxisorientiert wie die Gliederung des Buches ist auch die Darstellung des vermittelten Stoffs: Es fehlen nicht konkrete Tips hinsichtlich der Fragestellungen in einem Anamnesegespräch; gängige Diagnosematerialien (wie z. B. der AAT) werden kurz vorgestellt und hinsichtlich ihrer Potentiale und ihrer Schwächen bewertet; die einzelnen sprachlichen Modalitäten, die bei einer Aphasie betroffen sein können, werden beschrieben; es finden sich Anregungen, wie diese bei der Diagnosestellung überprüft werden können, und Hinweise auf Ursachen möglicher Fehleinschätzungen.
Der die eigentliche Therapiephase betreffenden Teil des Buches bietet Richtlinien zur Erstellung eines Therapieplans sowie der Planung einzelner Sitzungen, geht dann wiederum auf die einzelnen Modalitäten der Sprache und deren Störungen ein und macht Vorschläge für geeignete Übungen. Dies sei am Beispiel des Kapitels über Sprachproduktionm ("Produzieren") dargestellt: Nach der einleitenden Bemerkung, daß es hierbei zunächst v. a. darum gehe, den Aphasiker zu lautsprachlichen Äußerungen auf unterschiedlich komplexem Niveau anzuregen, was primär den Zweck einer Hinführung zur Kommuikationsfähigkeit verfolge, werden Übungsvorschläge zu den verschiedenen Komplexitätsstufen (Wortebene, Satzebene, Textebene) unterbreitet. Als Übungen auf der Wortebene werden z. B. Benennen von Gesten, Gegenständen und Bilder, das Ergänzen von Lückensätzen oder Wortraten angeführt. Es wird beschrieben, welches Material beim Benenntest sich für welche Wortklasse eignet und welche Charakteristika der Wörter sonst noch in die Benennleistung mit hineinspielen, schließlich folgt eine Liste möglicher Hilfestellungen, geordnet nach ihrer Stärke. In ähnlicher Weise werden Übungen auf Satz- und Textebene vorgestellt und besprochen.
Der Therapieteil fährt fort mit einer Zusammenfassung über gängige Therapieansätze und Materialien. Hier stellt Tesak zunächst gebräuchliche Therapiemodelle wie z. B. den Kommunikativen Ansatz, den Didaktischen Ansatz, den Syndromansatz u. a. in knappen Worten vor und ordnet sie ein in die Geschichte der Aphasietherapie. Die wesentlichsten Vor- und Nachteile der verschiedenen Prinzipien werden erwähnt. Es folgt eine ebenso kurz gehaltene Darstellung einzelner Therapiemethoden (MODAK, REST, PAKT u. a.) und –materialien (NAT-Materalien, ELA-Bildkästen etc.). Das Buch schließt mit zwei kurzen Kapiteln über Angehörigenarbeit und – wie erwähnt – das brisante Thema der Qualitätssicherung.
Auf knapp 250 Seiten wird hier also ein rascher Überblick über weite Bereiche der Aphasietherapie gegeben. An einigen Stellen gerät dieser vielleicht etwas zu oberflächlich – der Leser wünscht sich manchmal doch, umfassender informiert zu werden, da einzelne Teile im Bemühen um Verständlichkeit und Übersichtlichkeit etwas knapp geraten sind.
Das handliche und gut lesbare Buch von Jürgen Tesak ist sicherlich hilfreich für alle, die sich schnell einen Überblick über das Gebiet der Aphasie v. a. unter pragmatischen Gesichtspunkten des klinischen Arbeitsalltags verschaffen wollen. Es ist damit in erster Linie geeignet für "Neueinsteiger" auf dem Gebiet der Aphasie, also SchülerInnen aus dem Bereich der Logopädie und StudentInnen der Klinischen Linguistik, aber auch für medizinisch-therapeutisches Personal anderer Fachbereiche, um sich über die Arbeit ihrer sprachterapeutischen KollegInnen zu orientieren.

Silke Maisch

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Ben und Adam Greenstein: Color Atlas of Neuroscience. Neuroanatomy and Neurophysiology.
Thieme, Stuttgart 2000 ( ISBN 3-13-108171-6 )

Die beiden Autoren Ben und Adam Greenstein geben in ihrem Buch "Color Atlas of Neuroscience. Neuroanatomy and Neurophysiology" einen guten Überblick über Aufbau, Funktion und Krankheiten des menschlichen Gehirns.
Das Buch ist anhand von zwölf Kapiteln und ihren jeweiligen Unterkapiteln übersichtlich strukturiert. Jedes Unterkapitel ist eine Seite lang, mit einer jeweils passenden farbigen Illustration. Durch diese Illustration wird der Text auch ohne detailreiche Vorkenntnisse, vor allem im Bereich der biochemischen Vorgänge im Gehirn, leicht verständlich.
Der Farbatlas eignet sich durch die Vielzahl der Themen, und deren knappe Darstellung, vor allem zur Einführung in die Grundlagen der Neurologie. Ebenso ermöglicht das Buch ein schnelles Nachschlagen zur Auffrischung bereits bekannter Fakten. Hierzu ist besonders das angehängte Begriffsglossar hilfreich, in dem alle verwendeten Bezeichnungen prägnant definiert werden. Zur Vertiefung der Themen geben die Autoren in ihrem Literaturverzeichnis weiterführende Lektüre an.
Die Behandlung sprachlicher Störungen auf Grund von Läsionen des Cortex kommt sehr kurz. Die Autoren weisen daraufhin, was unter einer Broca- oder Wernickeaphasie verstanden wird und wo bei der jeweiligen Aphasieform der Fokus der Schädigung im Gehirn zu lokalisieren ist. Unter dem Kapitel "Sprachstörungen" werden dann zwar weitere Aphasieformen und ihre jeweils kennzeichnende Symptomatik genannt, jedoch erscheint die Anführung der entsprechenden Sprachstörungen zu grob und pauschal.
Ansprechend wird in das Thema der Demenzen durch einen schematischen Vergleich des gesunden Alterns des Gehirns versus Alzheimer Demenz gegeben. Die biochemischen Vorgänge bei Alzheimer Demenz (Schwerpunkt: Verarbeitung des ß-Amyloid Precursor Protein) erklären die beiden Autoren in einem weiteren Unterkapitel, wobei es ihnen hier wiederum gelingt, komplexe Reaktionen klar darzustellen.
Insgesamt ist "Color Atlas of Neuroscience. Neuroanatomy and Neurophysiologie" ein Buch, dessen Anschaffung sich für all diejenigen lohnt, die die Vorgänge des menschlichen Gehirns klar und greifbar verstehen oder nachlesen wollen – und das in einem gut verständlichen Englisch!

Tomma Lepke

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Norina Lauer (1999): Zentral-auditive Verarbeitungsstörungen im Kindesalter: Grundlagen - Klinik - Diagnostik - Therapie.
Stuttgart, Thieme.

Endlich! Mit ihrem Buch "Zentral-auditive Verarbeitungsstörungen im Kindesalter" legt Frau Lauer nicht nur eine längst überfällige Arbeit zu diesem Themenkreis vor - das Buch ist darüber auch äußerst kompetent geschrieben und straff gegliedert: Grundlagen, Klinik, Diagnostik, Therapie.
Zunächst führt die Autorin also in die Grundlagen ein: da werden periphere und zentral-auditive Verarbeitungsstörugnen fein säuberlich voneinander getrennt, Teilfunktionen der zentral-auditiven Verarbeitung festgelegt und Störungen definiert. Anschließend entwirft sie -und das ist neu - ein Stufenmodell der zentral-auditiven Verarbeitung, das einerseits die intramodale Verknüpfung auditiver Teilfunktionen hervorhebt und andererseits unterschiedliche Teilfunktionen in Abhängigkeit ihrer Qualität verschiedenen Verarbeitungsebenen zuordnet. Innerhalb der einzelnen Ebenen wird ebenfalls eine hierarchisches Prinzip angenommen: so ist nach Lauer davon auszugehen, daß die Lokalisation des auditiven Stimulus ein weniger komplexer Vorgang ist als etwa die Selektion des relevanten auditiven Stimulus...
Der gut lesbaren und knapp gefaßten Aufarbeitung der klinischen Symptomatik sowie verschiedener audiologischer und psychometrischer Testverfahren folgt die Vorstellung des von Lauer entwickelten, teilfunktionsorientierten Therapiekonzepts. Es handelt sich hier um ein kleinschrittig organisiertes, an der jeweils gestörten Teilfunktion ansetzendes Therapiemodell. Dem Therapierenden soll hiermit einerseits Hilfestellung bei der Therapieplanung gegeben werden, andererseits kann die Therapie bei den spezifischen Teilfunktionsstörungen des individuellen Kindes ansetzen. Zu den einzelnen Bereichen liefert Lauer ausführliche und kreative Übungsideen samt Screening-Bögen im Anhang: einfach ein praxisorientiertes Buch!
Zwei sehr gut dokumentierte Fallstudien runden die Arbeit ab: hier wurden ein Junge und ein Mädchen im Alter von 4-5 Jahren aufgrund von Beobachtung und kurzem screening ausgewählt und über einen festgelegten Zeitraum nach der beschriebenen Methode therapiert. Tatsächlich zeigten beide Kinder im Verlauf Verbesserungen der zentral-auditiven Verarbeitung.
Natürlich ist eine Gruppe von zwei Kindern noch keine ausreichende Basis für valide Aussagen. Natürlich sollten die Auswahlkriterien spezifiziert werden. Besonders im ersten Teil des Buches könnte auch das Layout übersichtlicher gestaltet sein -
Ganz besonders wichtig bleibt jedoch: hier wurde ein kompliziertes Thema in eine knappe Form gebracht und auf der theoretischen und praktischen Ebene sehr kompetent bearbeitet. Bleibt zu hoffen, daß der vielversprechende Therapieansatz im Rahmen einer größeren Studie weiterverfolgt wird.

Christiane Weber

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Christiane Dickmann et al: Logopädische Diagnostik von Sprachentwicklungsstörungen;
Thieme, Stuttgart 1994 (ISBN 3-13-111001-5)

Mit "Logopädische Diagnostik von Sprachentwicklungsstörungen" schließen Christiane Dickmann et al. eine lange beklagte Lücke: Nach einer Einführung in allgemeine Problemstellungen und die logopädische Diagnostik bei kindlichen Sprach- und Sprechstörungen folgen einführende und bestens lesbare Darstellungen zu sprachsystematischen Prüfverfahren, die entlang linguistischer Beschreibungsebenen unterteilt sind in "phonetisch-phonologische Analyse", "semantisch-lexikalische Analyse" und "morphologisch-syntaktische Analyse".

Was die interne inhaltliche Strukturierung angeht, so werden zunächst die theoretischen Grundlagen aufgearbeitet und dann daraus die einzelnen Tests und Prüfverfahren abgeleitet. Auf diese Weise bietet das Buch gerade auch dem klinischen Linguisten einen guten Einstieg in die diagnostischen wie auch therapeutischen Probleme, die sich mit kindlichen Sprachentwicklungsstörungen verbinden.

Im Unterschied zu so mancher Diskussion kognitiver Entwicklung im allgemeinen und sprachlicher Entwicklung im besonderen (man vergleiche dazu die Darstellungen der Sprachentwicklung im Gefolge der generativen Grammatik Chomskys und die Nativismus-Debatte – mit bzw. gegen Piaget) konzentriert sich die Veröffentlichung von Dickmann et al. in erfreulicher Weise auf wirklich praxisorientierte Probleme: Es handelt sich hier nicht um eine mehr oder weniger abstrakte Diskussion theoretischer Standpunkte, sondern um eine unmittelbar in die logopädische Praxis umsetzbare Darstellung dessen, was heute an Wissen und Können zu Sprachentwicklungsstörungen abrufbar ist. Und diesen Vorzug kann die Darstellung auch noch im Vergleich u.a. zu der sonst empirisch recht gut abgesicherten ‚Profilanalyse‘ Harald Clahsens für sich in Anspruch nehmen.

Wir möchten zum Abschluß darauf verweisen, daß sich das Buch auch für den Anfänger eignet. Sehr positiv müssen auch die vielen Beispiele gewertet werden, die exemplarisch das diagnostische Geschäft anschaulich machen. Überhaupt hat das Buch eher den Charakter eines Lehrbuchs, und dazu trägt nicht zuletzt der ausführliche Anhang (man vergleiche die Anamnese- und Befundbögen) und das sorgfältig zusammengestellte Literaturverzeichnis bei.

Alles in allem gehört das Buch in die Hand eines jeden Logopäden und/oder Klinischen Linguisten und/oder Heilpädagogen, soweit er es in seiner Praxis mit kindlichen Sprachentwicklungsstörungen zu tun hat.

Claudia Krug

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Wolfgang und Jürgen Butzkamm: Wie Kinder sprechen lernen - Kindliche Entwicklung und die Sprachlichkeit des Menschen
Tübingen und Basel; Francke 1999 (ISBN 3-7720-2731-8 / Preis: DM 49,80)


  Wie in ihrem Vorwort aufgeführt, haben sich die beiden Autoren zum Ziel gesetzt, in einem Fachbuch, weitgehend ohne Fachjargon, "gutwillig Interessierten" den Spracherwerbsprozeß näher zu bringen. Sie wählen dabei einen lebensgeschichtlich orientierten und vergleichenden Ansatz, indem sie den Spracherwerb sich normal entwickelnder Kinder dem Spracherwerb von der Norm abweichender behinderter oder hochbegabter Kinder sowie Prozessen des schulischen Fremdsprachenerwerbs gegenüberstellen.
Den Autoren gelingt es, die einzelnen Stufen des Spracherwerbsprozesses nicht einfach nur "chronologisch-trocken" aufzuarbeiten, sondern Aspekte in den Vordergrund zu rücken, die den Spracherwerb anschaulich vermitteln, sowie ergänzende - interessante wie unterhaltsame, unerwartete aber verständnisvertiefende - Kapitel "einzustreuen". So beginnt das Abenteuer Sprache bereits im Mutterleib, denn mit sechs Monaten ist das Ungeborene fähig, auf Laute zu reagieren. In einem eigenen Kapitel beleuchten die Autoren die Anfänge des Spracherwerbs bereits vor der Geburt. Ein Kapitel stellt die Auseinandersetzung des Kindes mit seiner Umwelt und mit sich selbst, als wichtige Voraussetzung für den Spracherwerb, in den Vordergrund. Den Besonderheiten des sprachlichen Hörens wird hier besondere Aufmerksamkeit gewidmet, auch den möglichen Auswirkungen von Hörverlust und versteckten Hörproblemen auf die Sprachentwicklung, sowie der Bedeutung des Zuhörens bei früher Zweisprachigkeit. Im Kapitel "Weltbemächtigung durch Wörter" rückt die Bedeutung des Konzeptes "Wort" innerhalb des Sprachentwicklungsprozesses in den Vordergrund. Einer zentralen These der Autoren, daß erst das "umstandslose Funktionieren grammatischer Sprache" die Freiheit menschlichen Denkens ermöglicht, ist ein ganzes Kapitel gewidmet sowie der Individualität und Vielfalt des Spracherwerbs. Das Abschlußkapitel bildet eine kleine Pädagogik für Eltern mit praxisbezogenen Hinweisen, wie der Sprachentwicklungsprozeß ihrer Kinder unterstützt werden kann.

  Als "Zwischenspiel: Kinder von einem anderen Stern?" ist ein Kapitel tituliert, das sich ausschließlich mit dem Spracherwerb von der Norm abweichender behinderter oder hochbegabter Kinder beschäftigt. Auch dem "Rätsel des Autismus" sind hier einige Seiten gewidmet. Allerdings darf man auf so wenigen Seiten keine neuen und vertiefenden Erkenntnisse erwarten, dafür aber eine zwar allgemeine, jedoch sehr anschauliche Darstellung sowohl der Symptomatik als auch möglicher Erklärungsansätze auf der Verhaltens- und auf der Kommunikationsseite. Es wird kurz, aber auch kritisch erläutert, welche Möglichkeiten sich bieten, den Spracherwerb auch dieser Kinder zu fördern (z.B. mit Hilfe der "gestützten Kommunikation"). Mit diesem Kapitel ist es gelungen, einen ersten Eindruck zu vermitteln, was es bedeuten kann, wenn der Sprachentwicklungsprozeß nicht "normal" verläuft.

  Ihr Ziel, ein Fachbuch weitgehend ohne Fachjargon zu schreiben, haben die Autoren erreicht. Das Buch ist gut verständlich geschrieben und brilliert oft durch seine Anschaulichkeit. Der Leserkreis, den die Autoren als den Kreis der "gutwillig Interessierten" bezeichnen, ist somit groß. Dem Fachmann werden wahrscheinlich kaum neue Erkenntnisse zur Sprachentwicklung präsentiert, jedoch ist vieles derart anschaulich beschrieben, daß bezüglich bisher unverstandener Prozesse spätestens jetzt "der Groschen fallen wird". Interessierte Eltern sind sicherlich die Hauptzielgruppe der Autoren und ihnen bietet dieses Buch eine verständliche und regelrecht unterhaltsame Einführung in die Sprachentwicklung ihrer Kinder. Die Pädagogik für Eltern ist ein weiterer Bonus, der es lohnend macht, das Buch zu lesen.

Carola Grünberger

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Sommerfeldt/ Starke u. a.: Einführung in die Grammatik der deutschen Gegenwartssprache, Tübingen: Niemeyer 1998

Diese dritte, neu bearbeitete Auflage der "Einführung in die Grammatik der deutschen Gegenwartssprache" macht sich selbst zum Ziel, Interessierten im Germanistikstudium, in der Fortbildung und im Sprachunterricht die Grammatik der deutschen Sprache unter dem Aspekt der kommunikativen Funktion sprachlicher Ausdrucksmittel zu vermitteln. Diesem Anspruch werden die Autoren durch die Berücksichtigung der Textebene und die Erweiterung der Grammatik durch kommunikationstheoretisch - pragmatische Ansätze einführend auch durchaus gerecht: in der ausführlichen Einleitung betonen sie, "daß das Sprachsystem Instrument der sprachlichen Kommunikation" sei, heben die "Ausdrucksbedürfnisse des Sprechers" hervor, thematisieren die Bedeutung des "Textverstehens" und verweisen bezüglich der Anwendungsbedingungen sprachlicher Strukturen auf "bestimmte kommunikative Bedingungen".

Leider führen diese theoretischen Verweise nicht zu einem funktionalen Zugriff auf die Grammatik selber. Kommunikative Aspekte werden zwar angesprochen, es wird aber nicht gesagt, wie grammatische Strukturen mit kommunikativen Funktionen in Verbindung stehen. Mehr noch: die Darstellung bewegt sich konsequent im Rahmen traditionell - formalsyntaktischer Ansätze, denen der kommunikative Zusammenhang lediglich additiv angehängt ist.
Neben dem letztendlich strukturalistischen Zeichenbegriff und dem daraus folgenden Bedeutungsbegriff  ist nicht zuletzt der Aufbau der Grammatik (vom Wort über den Satz zum Text) Indikator für eine an der lateinischen Grammatik orientierten Kategorisierung sprachlicher Ausdrucksmittel.
Neuere Errungenschaften in der funktional orientierten Forschung werden nicht berücksichtigt, was auch an dem Literaturverzeichnis deutlich, in dem man bis auf zwei Sammelbände keine neueren Literaturangaben findet.

Es handelt sich bei dieser Grammatik um die formale Kombination einer traditionellen Grammatik mit einführenden Kapiteln in die Pragmalinguistik und Textlinguistik; es liegt hier somit weniger eine neue oder gar neu konzipierte Grammatik der deutschen Gegenwartssprache als vielmehr eine (weitere) Grammatik mit einer integrierten Einführung in die Pragmatik vor.
Durchaus positiv zu bemerken ist aber, daß diese Grammatik in theoretische Überlegungen zum Funktionieren von Sprache integriert ist und so beim Leser - einführend - die Sensibilität für eine notwendige Voraussetzung auf dem Weg zu einer kommunikativen Sprachbetrachtung geweckt wird, und zwar für den Werkzeugcharakter von Sprache.

Dagmar Fröhning

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Anneliese Kotten: Lexikalische Störungen bei Aphasie
Hg. Luise Springer & Dietelinde Schrey - Dern, Stuttgart (Thieme)1997

Die folgende Rezension von Peter Michel ist sehr scharf formuliert und wahrscheinlich auch unfair. Dennoch scheinen mir hier wichtige Aspekte angesprochen; gerade die generellen Kritikpunkte verdienen es meines Erachtens, öffentlich diskutiert zu werden. Ich habe mich deshalb entschlossen, dem Abdruck der Rezension von Peter Michel zuzustimmen und möchte im übrigen dazu auffordern, per e-mail an der von Peter Michel angezettelten Auseinandersetzung engagiert teilzunehmen.

e-mail-Adresse: neurolab@uni-freiburg.de

Gez. Michael Schecker

Anneliese Kotten
Lexikalische Störungen bei Aphasie

Das Buch von Frau Kotten macht auf eine schmerzliche Lücke aufmerksam: Wir wissen so gut wie nichts über die Struktur des mentalen Lexikons und die Abrufprozesse, die bei Aphasien vielfältig gestört sein können (das Beste sind hier noch systemlinguistische Hypothesen a la Stachowiak, deren theoretischer background allerdings völlig veraltet ist). - Was bietet Frau Kotten hier an, die ja seit etlicher Zeit als solide Praktikerin (und als 1. Vorsitzende des Berufsverbandes der Klinischen Linguisten) allüberall bekannt ist?

Frau Kotten holt weit aus: Nach sehr grundlegenden Überlegungen zu Status und Struktur des mentalen Lexikons und einer Art Forschungsüberblick über neuere und neueste Modelle der Sprachverarbeitung (Kap. 2: "Modelle von Verarbeitungsprozessen") diskutiert Frau Kotten modellgeleitete Interpretationsmöglichkeiten, führt in Untersuchungsmöglichkeiten bzw. Tests ein, diskutiert "exemplarische Fälle" (es wird freilich nicht deutlich, was daran nun wirklich exemplarisch - exemplarisch für was? - sein soll), geht auf Therapiestudien bei Wortfindungsstörungen ein und skizziert Übungsvorschläge. Kurz: Ein Buch, das viel (das fast alles) bietet.

Das Inhaltsverzeichnis ist (wie oben skizziert) sehr anspruchsvoll; der Text bleibt hier jedoch manchmal etwas zurück. Was dabei besonders ärgerlich ist, sind einmal die Vielzahl von Platitüden und dann zum anderen die Theorielosigkeit bzw. theoretische Einfältigkeit gerade der 'theoretischen Überlegungen' (und das ist auch und gerade für darauf bezogene therapeutische Überlegungen relevant). - Wie wahr, möchte man meinen, was da unter "Wichtiger Hinweis" auf der bibliographischen Seite (noch vor der Titelseite) steht: "Jede Dosierung oder Applikation erfolgt auf eigene Gefahr des Benutzers":

Beispielsweise ist es nicht nachvollziehbar, wenn Frau Kotten angesichts der Heterogenität der (gut belegten) Phänomene von den Wortfindungsstörungen / Benennstörungen wie von einem einzigen, einheitlichen Defizit redet. Um darauf folgend genau das einzuklagen: "Da es sich dabei jedoch um sehr verschiedenartige Fehler handelt, ..."
Auch dürften Benennstörungen in Benenntests und (etwa über Hesitationsphänomene erkennbare) Wortfindungsstörungen in der Spontansprache zunächst einmal zweierlei sein.
Oder Oberbegriffe und Funktionsumschreibungen in Ersatz der üblichen Benennungen: Auffälligkeiten dieser Art haben nun wiederum nichts mit 'tip-of-the-tongue'-Phänomenen zu tun; beides wird allerdings (ebenfalls) unter die Wortfindungs- bzw. Bennenstörungen eingereiht.
Und wie wahr, daß 'ohne eine Ordnung des mentalen Lexikons' beim Wortaufruf mehr Fehler entstehen würden; zunächst einmal müßte man freilich festhalten, daß wir dann gar nicht auch nur einigermaßen flüssig sprechen könnten.

Oder: Was meint Frau Kotten mit "Inhalt", wenn sie ausführt, daß etwa Substantive "Inhalte vermitteln"? Vermitteln Adverbien (die bleiben bei Frau Kotten ausgeschlossen) also keine "Inhalte"? Und was ist mit Artikeln, Präpositionen, Konjunktionen: Sind die "inhaltslos"? Wäre hier nicht zumindest eine einführende Darstellung der grundlegenden Begriffspaare 'Bedeutung vs. Bedeutungseffekte (effet de sens)' und 'Bedeutung vs. Funktion' am Platze gewesen, wie sie spätestens seit Beginn der 80ziger Jahre zum Rüstzeug jedes Linguisten gehören (sollten).
Und was ist denn nun der Unterschied zwischen "Ordnungsprinzipien, die durch die Sprachstruktur vorgegeben sind" (angeblich u.a. 'Blume' - 'Rose') und "assoziativen Beziehungen" (angeblich u.a. 'Rose' - 'Liebe')? Inwieweit sind Relationen, wie sie bei 'Blume' - 'Rose' vorliegen, keine assoziativen Beziehungen? Was meint Frau Kotten mit "assoziativ"?
Und inwieweit sind "nur 'Blume/Dornen/Tulpe'" "durch die Struktur unseres Sprachsystems vorgegeben"? Wieweit können wir heute überhaupt noch zwischen einem Konzepte-System (einer Konzeptualisierung von Welt) einerseits und der Bedeutung sprachlicher Ausdrücke andererseits unterscheiden? Hier sollte auch in einem einführenden Lehrwerk auf die Ergebnisse aus Neuroimaging-Verfahren verwiesen und die daraus abgeleitete 'unitaristische These' der mentalen Repräsenation von Bedeutungen und Konzepten erwähnt werden (einführend und zugleich unverzichtbar ist hier sicherlich der Überblick von Indefrey und Levelt, "A meta-analysis of neurimaging experiments on word production").

Frau Kotten spricht verschiedentlich von den "Modellkonstruktionen der kognitiven Neurolinguistik", bietet hier und anderswo - so im Kap. 2 "Modelle von Verarbeitungsprozessen" ganz generell - aber keinen Forschungsüberblick, sondern ausschließlich das Logogen-Modell (und das auch noch in einer sehr verkürzten Form).
Und das mischt sie mit an der Arbeitsweise des Computers orientierten Vorstellungen, nach denen fleißig zwischen dem Zugriff auf gespeichertes sprachliches Wissen und der Speicherung selber unterschieden wird: Eben das hat nun aber rein gar nichts mit der Arbeitsweise des Gehirns zu tun, - hier kann man eben gerade nicht zwischen Gespeichertem und dem Zugriff auf Gespeichertes unterscheiden (ab und zu wäre im Rahmen einer neuro-orientierten Aphasiologie auch Neuro-Wissen zu empfehlen!).
Was sollen aber Modell-geleitete Interpretationen pathologischer Symptome, was bringen sie für die Therapie, wenn die Modelle so gar nicht an der Arbeitsweise des menschlichen Gehirns orientiert sind? Und es bedeutet für den Rezensenten keineswegs eine Einsicht, wenn Frau Kotten selber in Nebenbemerkungen festhält, daß man mit ihren 'Modell-geleiteten Interpretationen' für die Therapieplanung nicht sonderlich weit kommt, sondern der Rezensent fragt sich, wozu die Leser dann die Ausführungen von Frau Kotten überhaupt zur Kenntnis nehmen sollen.

Es ist aber nicht nur die Problematik der skizzierten Modellvorstellungen, sondern Frau Kotten scheint sich auch an keiner Stelle zu fragen, inwieweit die beobachtbaren Phänomene nun tatsächlich ein Defizit spiegeln (egal ob das Zugriffs- oder Speicherprobleme sind) oder Ausdruck (mehr oder weniger) gelingender Kompensationsversuche sind.

Frau Kotten bietet im praktischen Teil eine Vielzahl von Testmöglichkeiten an. Und hier beweist sie ihr in der Tat profundes praktisches Wissen; der entsprechende Mittelteil ist tatsächlich empfehlenswert als eine Art Datenbank der derzeit auf dem Markt befindlichen aphasiologischen Testmöglichkeiten. Aber warum hat Frau Kotten diese wichtigen Informationen als Buch herausgebracht, warum nicht als elekronische Datenbank, die vielleicht sogar über das Internet aufrufbar ist? Als Buch ist diese Datenbank nur sehr schwerfällig zu handhaben, - als elektronische Datenbank, die über das Internet aufrufbar wäre und fortwährend betreut und vervollständigt würde, wäre sie eine außerordentlich erfreuliche Hilfe für die Sprachtherapeuten, die angesichts notorischer Überlastung nur schwer mit der Forschung und Entwicklung von Testmaterialien Schritt halten können.

Was allerdings auch hier hoch problematisch erscheint, ist die Art und Weise, in der Frau Kotten eine Reihe sog. exemplarischer Fälle (vgl. dazu schon oben) auswertet: Sie stellt die Testergebnisse (die ja zunächst nur den Status von Symptomen haben) wie eine direkte Spiegelung von Defiziten vor und empfiehlt darauf bezogene 'restrukturierende Übungen' als Therapie. Hat denn Frau Kotten entsprechende - und wirklich sehr ernsthaft geführte - Auseinandersetzungen etwa zum Agrammatismus und zum hier zugrundliegenden Defizit nicht zur Kenntnis genommen? Daß etwa agrammatische Auffälligkeiten nicht notwendig etwas mit Morphosyntax zu tun haben, so daß entsprechende restrukturierende Übungen womöglich völlig am zugrundeliegenden Defizit vorbeitherapieren? Hier kann man nur auf die Erfahrung und die Sensibilität der therapeutischen Leser hoffen!

Nein, so leid es dem Renzensenten tut, aber er kann dieses Buch wirklich nicht empfehlen!

Peter Michel

Zur Erinnerung - e-mail-Adresse: neurolab@uni-freiburg.de

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Conway, Martin A. (ed.), Cognitive models of memory.
Hove: Psychology Press 1997. (Studies in Cognition.)

Inhalt

Lamberts, Koen & Shanks, David (eds.), Knowledge, concepts and categories.
Hove: Psychology Press 1997. (Studies in Cognition.)

Inhalt

Wie das Reihenvorwort ankündigt, sollen die Bände der Reihe sowohl für Studenten unterschiedlichen Ausbildungsgrads als auch für Leser aus dem Bereich der Forschung interessant sein. Es ist erstaunlich, in welchem Ausmaß dieses Ziel tatsächlich erreicht wird. Es ist natürlich unmöglich, auf etwa zwanzig Seiten eine umfassende Einführung in ein Gebiet wie z. B. die konnektionistische Modellbildung zu geben und dann noch einen Teilaspekt davon wissenschaftlich weiterzuentwickeln. Aber es werden doch in eindrucksvoll lesbarer Weise die für das Verständnis erforderlichen Stichwörter jeweils erläutert, oder es wird ein kurzer Überblick über die einschlägige Literatur in Form eines Forschungsberichts gegeben.

Die Auswahl der behandelten Gegenstände spiegelt die derzeitige Diskussion innerhalb der Kognitionswissenschaften gut wieder (Übergewicht der konnektionistischen gegenüber den symbolverarbeitenden Modellen, prototypische Konzepte). Lücken, etwa bei der Darstellung des Problems der mentalen Repräsentation allgemein, wo biologische und philosophische Beiträge zu kurz kommen, mögen durch die Reihenkonzeption bedingt sein. Es gibt außerdem einige Wiederholungen, das heißt, die Beiträge hätten vielleicht stärker durch Querverweise verflochten werden können.

Es darf vielleicht angemerkt werden, daß unsere eigenen Arbeiten , soweit sie bezüglich des Gegenstandsbereichs mit diesen Sammelbänden verwandt sind, grundsätzlich neue und andersartige Ansätze bieten.

Günter Kochendörfer

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Maryellen C. MacDonald (ed.) Lexical Representations and Sentence Processing.
Hove: Psychology Press 1997.

Inhalt

Das Buch Lexical Representations and Sentence Processing, herausgegeben von Maryellen C. MacDonald, umfaßt sechs Aufsätze der Fachzeitschrift Language and Cognitive Processes (Vol. 12, 1997). Die Autoren der Aufsätze beschäftigen sich allesamt mit der Rolle, die lexikalische Repräsentationen bei der Satzverarbeitung spielen. Die Frage, wie lexikalische Informationen dargestellt werden und wie diese syntaktische Prozesse beschränken, steht im Mittelpunkt dieses Bandes. Obwohl die Meinungen und Herangehensweisen der einzelnen Autoren teilweise stark auseinandergehen, verbindet alle die detailgenaue Darstellungsweise von syntaktischer Verarbeitung sowie die Überzeugung von der diesbezüglichen Relevanz lexikalischer Repräsentationen.

Die ausführliche Einleitung von Maryellen MacDonald überblickt nochmal die Entwicklung, die lexikalische Repräsentationen in der Satzverarbeitungsforschung genommen haben. Dabei wird besonderer Wert auf die Relevanz zeitlicher Informationen in der theoretischen Satzverarbeitung, von Häufigkeitsinformationen und vom Kern dieser Häufigkeitsinformationen gelegt. Besonders hervorzuheben sind dabei die kurzen, prägnanten Inhaltsangaben der einzelnen Aufsätze, die eine wertvolle Orientierungshilfe schaffen und ein gezieltes Lesen ermöglichen.

Die ersten drei Aufsätze untersuchen die Rolle, die lexikalische Informationen innerhalb eines constraint-based Ansatzes der Sprachverarbeitung spielen, während die folgenden drei Aufsätze eher strukturalistisch arbeiten. Innerhalb dieser beiden Gruppen folgen die stärker computerlinguistischen den mehr empirisch ausgerichteten Untersuchungen. Diese klare thematische Gliederung wird ergänzt durch die kurzen einleitenden Inhaltsangaben sowie prägnante Ergenbnisdiskussionen innerhalb eines jeden Aufsatzes. Es wurde auf ausführliche Indices mit der aktuellen Forschungsliteratur Wert gelegt, die sich an die Aufsätze anschließen. Viele Schaubilder und hilfreiche Querverweise sowie ein Gesamtindex am Ende des Buches runden das Werk inhaltlich-formal ab.

Der Band Lexical Representations and Sentence Processing stellt durch seine breitgefächerte, profunde Herangehensweise eine wertvolle und hochaktuelle Informationsquelle dar, die für Linguisten, Psycholinguisten, Hirnforscher und Computerfachleute von gleichermaßen großem Interesse sein dürfte. Die darin vorgestellten Ergebnisse bilden einen weiteren wertvollen Schritt in der derzeitigen Satzverarbeitungsforschung und zeigen die interdisziplinäre Bedeutsamkeit von lexikalischen Representationen auf diesem Gebiet.

Kathinka Dettmer

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Rolf Brickenkamp (ed.): Handbuch psychologischer und pädagogischer Tests.
2. vollst. überarb. und erw. Aufl. - Göttingen u.a.: Hogrefe 1997
( ISBN 3-8017-0993-0 / Preis: DM 298.- )

Wenn ein Lexikon den Charakter eines 'heimlichen' Lehrbuchs angenommen hat, dann die 2. Auflage des Handbuchs für pädagogische und psychologische Tests. Der Herausgeber hat das fast Unmögliche geschafft, ein vom Layout, der Gliederung und von der Übersichtlichkeit her kaum schlagbares Buch über (fast) alle gängigen Testverfahren zu erstellen, die derzeit in aktuellem Gebrauch sind.

Strukturiert gemäß der klassichen Einteilung nach Leistungs-, psychometrischen Persönlichkeitstests und Persönlichkeits-Entfaltungsverfahren werden in gut zugänglicher Form die einzelnen Testverfahren abgehandelt. Zu jedem Testverfahren gibt es eine gut durchdachte Informationseinheit: So werden über die reine (sehr präzise) Testbeschreibung hinaus die genaue Durchführung, der Auswertungsmodus und (sehr wichtig) die testpsychologischen Gütekriterien abhandelt. Es fehlen auch nicht couragierte Bemerkungen zur 'klinischen Verwertbarkeit' (ökologischen Validität) der Testverfahren.

Die einzelnen Testverfahren sind durch Tabellen und eine externe Griffleiste hervorragend zu finden. Auch Randgebiete wie z.B. sprachsystematische Tests (Aachener Aphasie Test) werden bemerkenswert ausführlich besprochen. Für alle 'gesamtdeutsch' arbeitenden Neurowissenschaftler sehr interessant sind die Besprechungen der in der ehemaligen DDR gebräuchlichen Testverfahren, an die man bisher nur unter 'verschärften' Bedingungen herankommen konnte.

Die tragende Idee, Testverfahren leicht handhabbar und ökonomisch darzustellen, haben die Herausgeber eingelöst. Das ausführliche Abkürzungsverzeichnis gegen den allseits umgreifenden DAF (Deutschen Abkürzungs-Fimmel) trägt nicht nur für Anfänger in diesem Metier einiges zur Klarheit bei. Besonders hervorzuheben ist auch die, als Einführung in die Testtheorie bestens geeignete, Einleitung des Buches.

Ein wenig Essig in den Weinschlauch dieses hervorragenden Buches ist das - nur zu verständliche - - Manko, daß einige der neueren neuropsychologischen Testverfahren z.B. zur Demenzdiagnostik (SIDAM) fehlen; aber das ist verzeihbar, denn ein Buch kann in seiner Aktualität selbstverständlich nie den ONLINE Konkurrenten TEStFINDER schlagen. Das führt zur Frage, für wen denn dieses Nachschlagewerk geeignet ist: Eigentlich - wie gesagt - eher als Lehrbuch denn als Nachschlagewerk für alle Studenten der Sozialwissenschaften und der Medizin, die sich fundiert und schnell über die gängigen Testverfahren infomieren möchten. Leider ist der sehr hohe (!) Preis nicht gerade dazu angetan, diese wichtige Zielgruppe anzusprechen. Es sollte dringend über eine - wesentlich - preiswertere Studienausgabe nachgedacht werden. Denn das Buch ist uneingeschränkt für alle Freunde der ältesten Datenbanken der Welt - dem Buch - zu empfehlen.

 Markus Gress-Heister

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DER TIP!!!!!

Hans J. Markowitsch (ed.)
Bd. 1: Grundlagen der Neuropsychologie
(Enzyklopädie der Psychologie / in Verbindung mit der Deutschen Gesellschaft für Psychologie, hrsg. Von Niels Birbaumer)
Göttingen, Bern, Toronto, Seatle: Hogrefe 1996
(Themenbereich C: Theorie und Forschung. Ser 1: Biologische Psychologie)
(ISBN 3-8017-0549-8 / Preis: DM 288.-- )

Bd. 2: Klinische Neuropsychologie
(Enzykopädie der Psychologie / in Verbindung mit der Deutschen Gesellschaft für Psychologie, hrsg. Von Niels Birbaumer)
Göttingen, Bern, Toronto, Seatle: Hogrefe 1997
(Themenbereich C: Theorie und Forschung. Ser 1: Biologische Psychologie)
(ISBN 3-8017-0550-1 / Preis: DM 298.-- )

Wie bei den Enzykopädien der Psychologie üblich, haben hier hochkarätige Autoren in - mehr oder weniger umfangreichen Beträgen - das derzeit gängige Wissen im Bereich der (klinischen) Neuropsychologie zusammengefasst. Im Band 1: Neuropsychologische Grundlagen, werden von einer hervorragenden Einleitung zur Geschichte der Neuropsychologie aus, sämtliche biologischen, physiologischen und pharmakologischen Grundlagen der Neuropsychologie schlüssig und konzise vermittelt. Ein Kompliment an die redigierenden Autoren, denn sie haben sich redlich bemüht, die Verständlichkeit trotz der komplexen Materie nicht zu sehr leiden zu lassen. Der Herausgeber Markowitsch merkt im Vorwort bereits kritisch an, daß unter den längeren Vorlaufzeiten des Buches die Aktualität des ein oder anderen Beitrages wohl doch etwas gelitten hat. Besonders hervorzuheben ist allerdings das Kapitel über die bildgebenden Verfahren; hier zeigt sich, daß man durchaus komplexe Zusammenhänge spannend, wissenschaftlich adäquat und hochaktuell darstellen kann. Der Band 2: Klinische Neuropsychochologie, bietet einen umfassenden Überblick über alle gängigen Teilbereiche der klinisch angewandte Neuropsychologie. So werden von Störungen der Gehirnentwicklung über Neglectphänomene, Störungen der Kontrolfunktionen bis zur Neurobiologie der Schizophrenie detailierte und verständliche Information geboten. Selbstverständlich fehlt auch nicht ein umfangreiches Kapitel zu Gedächtnisstörungen. Leider etwas kurz gekommen sind die Kapitel über neuropsychologische Diagnostik und ganz besonders kurz ist jenes, über die neuropsychologische Therapie (Rehabilitation). Aber vielleicht ist dies auch nur ein Spiegel der momentanen Diskussion innerhalb der Neuropsychologie. Die Idee alterskorrelierte (-falls es so etwas im engeren Sinne überhaupt gibt?) und genetisch basierte Hirnkrankheiten in ein Kapitel zusammenzufassen ist allerdings hochproblematisch. In diesem Kapitel fehlt nicht nur die kritische Betrachtung der o.g. Frage, sondern es werden auch Sachverhalte miteinander vermischt, die im Sinne einer differenzierten Betrachtung eher getrennt betrachtet gehörten: so sollte es den Herausgebern die epidemiologische Lage doch wert sein, ein separates Kapitel den dementiellen Syndromen zu widmen, statt sie (Vorsicht Agism-Gefahr!) unter den altersassoziierten Krankheiten zu subsumieren.

 Wie bei Enzyklopädien - leider - üblich leidet unter der Stoffülle etwas die Übersichtlichkeit des Lay-outs. Die extrem kleine Schrift trägt zur Lesbarkeit leider auch wenig bei. Sehr gut zugänglich allerdings das sehr präzise und aussagereiche Inhaltsverzeichnis; ein hervorragendes Sach- und Personenverzeichnis ergänzt dieses Angebot.

 Die beiden Bände zu Grundlagen der Neuropsychologie bzw. zur klinischen Neuropsychologie sind uneingeschränkt allen denjenigen zu empfehlen, die sich umfassend über den Stand des Wissens in diesem doch recht jungen Gebiet informieren wollen. Den Herausgebern ist es erfolgreich gelungen den aktuellen Stand der neuropsychologischen Wissenschaft, meist recht verständlich, und oft sehr spannend darzustellen und nicht zuletzt einen umfassenden Überblick über die einzelnen Teilgebiete zu geben.

Markus Gress-Heister

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Simons, Berthold: Therapie akuter Aphasien
Frankfurt/M, Berlin, Bern, New York, Paris, Wien: Lang 1997
(Bald Salzhausener Beiträge zur Aphasieforschung Bd. 7)
(ISBN 3-631-31316-0 / Preis: DM 118.-- )

 Ein interessanter, vielversprechender Buchtitel, der ein neues Gebiet systematisch zu betreten scheint. Der Autor konzentriert sich in seinem Buch auf die Fragen:

 Wie Aphasiker praktisch (akut) versorgt werden (sollten); wie die sprachliche Leistung während der Akutphase sprachlich erfasst werden soll und die Frage der Integration der Akuthterapie in ein linguistisches Therapiemodell. Abgedruckt werden eine Menge von 'Vordrucken' für Therapiesitzungen mit akuten Aphasikern; es handelt sich also - zunächst im positiven Sinne des Wortes - um eine Art 'Werkbuch'. Das Buch ordnet ich in die, an den Standardsyndromen der Aphasiologie orientierten Therapieverfahren mühelos ein. Das ordentlich gegliederte, aber phantasielose Lay-out, mit der in den Textteilen leider extrem kleinen Schrift, führt nach einer Art 'Flußdiagramm' durch ein systematisches Therapieprogramm: So werden zunächst Items zur sprachlichen Aktivierung, zur schriftsprachlichen Differenzierung, zu Reihenleistungen, zu Interjektionen und zu sprachlichem Erfassen von Gegenständen und Sachverhalten vorgestellt. Zu jedem Teil gibt es eine (sehr knapp ausgefallene) Einleitung, in der einige wenige Bemerkungen zu den Therapie-Items gemacht werden. Im Rahmen einer hypothesengeleiteten neuro-linguistischen Therapie fehlen allerdings gänzlich theoretische Erläuterungen warum, und warum auf diese Weise dieses oder jenes Item eingesetzt werden sollte. Es ist schade, daß hier die neuere linguistische Theorie- und Modellbildung nicht aufgegriffen und bearbeitet werden; gerade wenn man den, vom Autor selbst formulierten Anspruch zu Beginn seines Buches ernstnimmt. Das verwendete funktional-parametrische Modell der Sprachproduktion läßt sich meines Erachtens nicht nur neuropsychologisch , sondern auch neurobiologisch kaum halten; es fehlen neurowissenschaftlich begründete Präzisierungen, die für einen begründeten Therapieansatz - im Zeichen beginnenden Qualitätsmanagements - in Zukunft unverzichtbar sein werden. Insofern hat der Autor zwar seinen Anspruch der linguistischen Einordnung eingelöst, jedoch dabei etwas zu kurz gegriffen. Leider zeigt sich an einigen weiteren Stellen der etwas 'unfertig' wirkende Charakter des Buches: so fehlen die für einen Therapeuten zur sinnvollen Therapieplanung und Itemauswahl doch recht relevanten Daten z.B. zu Frequenz, Prototypikalität oder ähnlichen linguistischen Parametern; auch die Abbildungen haben - teilweise sicher berechtigt - einen sehr einfachen Charakter, was aber ihrer Klarheit nicht immer guttut. Auch erscheinen mir die besonderen Bedürfnisse, die akute Aphasiker haben, bedingt durch ihre - meist erheblichen - neuropsychologischen Begleitstörungen wie Agnosie, Apraxie usw. nicht genügend gewürdigt; zumindest fehlen entsprechende Hinweise bei den einzelnen Items. Eine kleine Randbemerkung zur Zugänglichkeit der Informationen des Buches: Abgesehen von einem Inhaltsverzeichnis zu Beginn des Buches fehlen im Verlauf weitere deutlich gekennzeichnete Trennungsmerkmale der einzelnen Kapitel zum schnellen Auffinden (etwa in Vorbereitung einer Therapie); ein deutliches Manko, wenn man bedenkt, daß hier Praktikabilität doch eine Rolle spielen sollte.

 Wer eine Sammlung von interessanten Therapie-Items sucht, dem sei dieses Buch durchaus empfohlen. Aber ein bißchen mehr Begründungs-Tiefe und kritische Reflektion würde das Buch noch besser machen.

Markus Gress-Heister

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Friedemann Pulvermüller, Neurobiologie der Sprache.
Pabst Science Publishers, Psychologia Universalis - Neue Reihe: Bd. 1, 1996

Diskussion

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Heinz J. Weber, Dependenzgrammatik. Ein interaktives Arbeitsbuch
Tübingen (Narr-Studienbücher) 2. Auflage 1997
(ISSN 0941 - 8105 / ISBN 3-8233-4950-3)

Das von Heinz J. Weber vorgelegte Arbeitsbuch zur Tesniere´schen Dependenzgrammatik verdient voll und ganz - vor allem in der insgesamt durchaus gelungenen Bildschirmfassung für den PC - den Namen 'Studienbuch'. In acht Kapiteln werden die wichtigsten Grundbegriffe Tesnieres (Dependenz, Konnexion, Junktion, Translation, Stemmata) erläutert und an deutschem Sprachmaterial dokumentiert.

Mißverständlich ist allerdings der Titel "Dependenzgrammatik"; denn dargeboten wird - in etwa auf dem Niveau einer Einführungsveranstaltung in die Linguistik - Tesniere (und immer nur Tesniere); und das ist beileibe nicht der Stand der Dependenzgrammatik heute! Denn selbstverständlich sind Valenzrelationen (z.B. zwischen finitem Verb und seinen Aktanten) keine Dependenz-Relationen, sondern Interdependenz-Relationen. Und selbstverständlich ist im folgenden Satz die Präpositionalphrase ein Aktant, aber kein Zirkumstant, wie das noch Tesniere annahm; vgl."Ich wohne in Freiburg" Und selbstverständlich sind Appositionen und ihre Bezugsnomina nicht "gleichgeordnet" (das durfte vielleicht noch Tesniere behaupten). Und selbstverständlich wird die Anapher heute nicht mehr unter die 'Konnexion' eingereiht - und ist natürlich auch nicht semantischer Natur, sondern referenzieller - also pragmatischer - Natur. Und, und, und: Man kann die Vielzahl solcher (nur noch in historischer Perspektive akzeptablen) Verzerrungen gar nicht voll ausloten.

Entsprechend ist der Stand der aufgearbeiteten Literatur: Von den 54 im Literaturverzeichnis aufgeführten Titeln stammen 2 Titel aus den neunziger Jahren (alles andere ist älter, teilweise erheblich älter, - 2 mal sind Veröffentlichungen des 19. Jahrhunderts aufgeführt); hinzu kommt eine Arbeit von Herrn Weber selber.

Anders formuliert - und das macht den Zuschnitt der hier vorgelegten Arbeit noch viel deutlicher: Fillmore ist lediglich mit seinem 'Kasus-Aufsatz' von 1968 berücksichtigt (und was hat Fillmore in der Zwischenzeit nicht sonst noch alles zur 'Kasus-Theorie' geschrieben!); bei der Rezeption der Arbeiten von Klaus Heger bleibt der Autor beim Jahre 1966 stehen; Heringer tritt lediglich mit zwei Arbeiten aus dem Jahre 1973 in Erscheinung (mit den bis in die Mitte der neunziger Jahre erschienenen Arbeiten Heringers zur Dependenz- und Valenzgrammatik könnte man ein Buchregal füllen); und wenn man nach dem Autor geht, dürfte Wolfgang Klein nach 1971 nichts Relevantes mehr zur 'Kasus-', Dependenz- und/oder Valenzgrammatik geschrieben haben.

Nein, dies ist keine Arbeit zur Dependenzgrammatik (oder wenn es eine sein will, dann könnte ich sie wirklich nicht empfehlen); sondern hier geht es um Tesniere (und warum sollte es - wissenschaftsgeschichtlich - nicht interessant und erlaubt sein, den französischen Autor und historischen Großmeister der Valenzgrammatik für ein deutsches Publikum aufzuarbeiten.

Der Titel täuscht, - auch was die Rede von einem 'interaktiven Arbeitsbuch' angeht: Der Autor hat mit seiner Bildschirmfassung für den PC eine Hypertext-Version vorgelegt, die es erlaubt, im Text auf sehr komfortable Weise zu springen. Aber unter einem 'interaktiven Arbeitsbuch' verstehe ich noch mehr:.Interaktiv wäre die PC-Fassung (in einem strengeren Sinne des Wortes), wenn der Leser und Benutzer die Möglichkeit bekäme, eigenständig mitzuarbeiten. In diesem Sinne dürfte es sich dann auch nicht mehr um ein einführendes Lehrbuch handeln.

Sind das nicht etwas utopische Vorstellungen? Vielleicht; und vielleicht sind sie auch noch etwas vage formuliert. Aber seit das 'Institut für deutsche Sprache Mannheim' ein (in der Tat interaktives) PC-Grammatik-System entwickelt hat und ständig weiterentwickelt, müssen sich Bildschirmfassungen wie die hier von Heinz J. Weber vorgelegte daran messen lassen (und da schneidet Webers 'interaktives Arbeitsbuch' nicht sonderlich gut ab).

Heinz J. Weber und der Narr-Verlag haben mit der 1997 in zweiter Auflage vorgelegten "Dependenzgrammatik" eine an das deutsche Publikum und an die deutsche Sprache angepaßte Dokumentation der Vorstellungen Tesnieres und der von Tesniere entwickelten Beschreibungsmöglichkeiten vorgelegt; in diesem Sinne lohnt es, sich mit der zweiten Auflage der "Dependenzgrammatik" von Heinz J. Weber zu beschäftigen. Was allerdings neuere (beileibe nicht nur neueste) Entwicklungen der Dependenz- und Valenzgrammatik im besonderen wie der Grammatikforschung ganz allgemein angeht, so wird man danach vergeblich suchen; und das betrifft leider auch die Auseinandersetzung mit Tesniere selber.

Michael Schecker

© Neurolinguistic Lab

 Distributed 23.02.1998

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CD: Entspannen, Einschlafen (1997-April-04 )

Entspannungstechniken sind in der Sprachtherapie noch nicht so weit verbreitet. Es ist eine bekannte Tatsache, daß es nicht nur sinnvoll ist, Patienten zu Beginn einer Therapiesitzung zu aktivieren, sondern auch zu Ende einer Sitzung wieder 'zu beruhigen'.
Verwendbare Techniken hierzu sind u.a. Teiltechniken aus dem autogenen Training bzw. Jacobson'scher Entspannung. Denkbar sind aber auch - und gerade für ältere Menschen, die die o.g. Techniken nicht (mehr) erlernen möchten, musikalische Verfahren.
Eine gut verwendbare (und preiswerte) Möglichkeit stellt hier die CD 'Mediklang - Entspannen und Einschlafen' dar. Mediklang sind aufbereitete Naturgeräusche und Tonfolgen, die in periodischen, natürlichen Abfolgen angeordnet sind. Sie sind in unserem Falle sicher gut geeignet, eine kurze Entspannungsphase nach erfolgter Therapie einzuleiten.
Erhältlich ist die CD über Apotheken oder bei sangro medical service GmbH, Halskestr. 14-16, 40880 Ratingen

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