Working Papers in Neurolinguistics and Neuroscience

Neuro 7:

Christian Haug: Phänomenologie der Sprachstörungen bei früher Alzheimerscher Krankheit - ein Forschungsüberblick (1999)

Inhalt:

1.Demenzbeurteilungsskalen und Symptome im Alltag

2. Sprachstörungen

3. Literaturangaben
 

1. Demenzbeurteilungsskalen und Symptome im Alltag

1.1 Global Deterioration Scale (GDS) (Reisberg et al. 1982)

Die GDS ist eine Fremdbeurteilungsskala, d. h. , das Ergebnis entsteht durch Interpretation des Untersuchers. Bewertungsgrundlage ist dabei ein 10 – minütiges klinisches Interview.
Folgende Stufen werden unterschieden:

(Nach Mielke & Kessler 1994)

1.2 Mini Mental State Examination (MMSE)

Der MMSE ist eins der am häufigsten verwendeten Testverfahren zur Erfassung kognitiver Störungen bei älteren Personen. Getestet werden Orientierung, Aufmerksamkeit, kurz- und mittelfristige Merkfähigkeit, Wortfindung, Lesen, Schreiben, weiterhin muß eine Handlungsanweisung befolgt werden.
Die Aufgaben des Tests sind so konzipiert, daß sie von kognitiv nicht beeinträchtigten Personen normalerweise problemlos gelöst werden können. Die höchste erreichbare Punktzahl beträgt 30 Punkte, weniger als 24 Punkte weisen auf eine dementielle Erkrankung hin. (Romero 1997) Folgende Stadien werden im allgemeinen unterschieden:

Bei der Lektüre wissenschaftlicher Publikationen empfiehlt es sich, auf die MMSE – Werte zu achten, da diese oft die einzige Grundlage für die Klassifikation nach Schweregraden sind. Leider werden diese Werte und Stadien gelegentlich uneinheitlich verwendet, was die Vergleichbarkeit der Resultate natürlich nicht gerade verbessert.

2. Sprachstörungen

2.1 Wortfindungsstörungen

Wortfindungsstörungen sind ein wichtiges Leitsymptom und werden in der Literatur sehr oft behandelt - vielleicht auch aufgrund der relativ unaufwendigen Testmethodik: dem Patienten wird eine Bildvorlage präsentiert, die er benennen muß (confrontation naming). Die Qualität der Bildvorlage spielt dabei eine entscheidende Rolle; in einer Untersuchung von Kirshner (1984) erreichten die Versuchspersonen bei der Präsentation von Farbfotografien bessere Ergebnisse als bei der Präsentation der üblicherweise verwendeten Strichzeichnungen. Noch besser waren die Leistungen der Versuchspersonen, wenn das konkrete Objekt gezeigt wurde.

2.1.1 Verlauf
Alzheimerkranke fallen schon in frühen Stadien (GDS 3) beim Benenntest auf; der Grad der Beeinträchtigung nimmt im Verlauf der Erkrankung zu, wobei diese Zunahme nicht gleichmäßig, sondern stufenweise verläuft: so waren die von Bayles (1992) ermittelten Werte für GDS 3 und 4 fast identisch, für GDS 5 deutlich schlechter und für GDS 6 und 7 wiederum deutlich schlechter und sehr ähnlich.

2.1.2 Fehleranalyse
Die von Alzheimerkranken produzierten Fehlbenennungen zeigen nach einer Untersuchung von Hodges et al. (1991) typische Muster: die genannten Begriffe waren dem Zielwort semantisch verwandt, stammten also aus der gleichen Kategorie oder dem gleichen Wortfeld. Oft handelte es sich auch um Oberbegriffe oder Beschreibungen des Gebrauchs.
Fehlbenennungen, die sich nicht durch semantische, sondern optische Ähnlichkeit auszeichneten, wurden dagegen im Frühstadium nicht beobachtet.

2.1.3 Muster des Wissensverlusts
Semantische (Chertkov und Bub 1990) und phonologische (Greß – Heister 1996) Hilfestellungen verbesserten die Leistungen der Versuchspersonen nicht.
War das Detailwissen, also das Wissen um die Eigenschaften der gesuchten Begriffe, erhalten, so konnten diese meist benannt werden, war das Detailwissen aber nicht mehr vorhanden, so konnten die Bildvorlagen auch nicht mehr benannt werden.
Das Detailwissen war stärker gestört als das kategoriale Wissen, d. h., daß Begriffe zwar noch ihren Oberbegriffen zugeordnet werden konnten, ihre Eigenschaften aber nicht mehr bekannt waren. (Chertkov und Bub 1990)
Grober et al.(1985) stellten fest, daß Alzheimerkranke nicht in der Lage waren, die Eigenschaften eines Begriffes nach ihrer Bedeutung (für den Begriff) zu gewichten.

2.2 Verbale Flüssigkeit (fluency)
Die verbale Flüssigkeit wird durch Assoziationstests sowie Wortlistengenerierung geprüft.
Bei Assoziationstests wird ein Stimulus vorgegeben, woraufhin die Versuchsperson innerhalb eines gewissen Zeitraums (meist eine Minute) soviele Wörter wie möglich nennen soll.
Bei der Generierung von Wortlisten soll die Versuchsperson z. B. möglichst viele Dinge nennen, die man in einem Supermarkt kaufen kann.
Beide Aufgabenstellungen werden von Gesunden mit einer Suchstrategie bearbeitet: es werden nicht wahllos Wörter aufgezählt, sondern Begriffe genannt, die einer gemeinsamen thematischen Szene entstammen (z. B. "Jagd" beim Stimulus "Hirsch") oder einer gemeinsamen Kategorie angehören (z. B. "Gemüse" beim Stimulus "Einkaufen im Supermarkt"). Ist eine solche Szene / Kategorie abgearbeitet, wird zur nächsten übergegangen. (Strube 1984)

2.2.1 Verlauf
Die verbale Flüssigkeit ist schon im Frühstadium beeinträchtigt, und zwar früher (Bayles und Kaszniak 1987) und stärker (Bayles 1992) (1) als das Benennen von Bildvorlagen.
Auch hier ergab sich im Verlauf ein ähnliches Bild wie beim Benenntest: GDS 3 und 4 sind sich recht ähnlich, die deutlichen Unterschiede traten beim Übergang von GDS 1 zu 3 und GDS 4 zu 5 auf.

2.2.2 Fehleranalyse
Martin & Fedio (1983) erhielten bei der Supermarktaufgabe von Alzheimerkranken im Frühstadium mehr Oberbegriffe, aber weniger Subkategorien, die einzelnen Kategorien enthielten dabei weniger Wörter als die der gesunden Kontrollgruppe.
In einer Anzahl von Fallstudien der Freiburger Forschungsgruppe ergaben sich bei der Vorgabe eines konkreten semantischen Stimulus außerdem längere Pausen zwischen den beschriebenen Szenen. Angesichts des allgemein verlangsamten Sprechtempos bei Alzheimerscher Krankheit ist dieses Phänomen wahrscheinlich allgemein erwartbar.
Bei kategorialen semantischen Stimuli (z. B. "Tiernamen") generierten Alzheimerkranke in einer Untersuchung von Chan (1993) um 100 % weniger Begriffe als Gesunde.
Zec (1993) stellte fest, daß Alzheimerkranke zum Wiederholen bereits genannter Begriffe neigen und auffällig viele (in späten Stadien fast ausschließlich) Oberbegriffe sowie semantisch verwandte, aber unpassende Wörter generieren.
Wurden phonologische Stimuli vorgegeben (also z. B. der Anfangsbuchstabe "M"), tendierten Alzheimerkranke dazu, die Aufgabenstellung zu vergessen und statt phonologisch semantisch zu assoziieren (z. B. "M" - "Mutter" – "Kind").
Beim phonologisch stimulierten Assoziieren wurden generell – auch bei Gesunden – schlechtere Leistungen beobachtet (Rosen 1980); nach Zec (1991) waren Alzheimerkranke aber bei der Vorgabe semantischer Stimuli doppelt so häufig auffällig wie der Verwendung phonologischer Stimuli.
 

(1) Bayles gab phonologische Stimuli vor und fand bei GDS 3 im Vergleich zu GDS 1 beim Assoziieren ein Leistungsabfall von 40 %, beim Benennen von 31 % , obwohl im Benenntest Objekte präsentiert wurden, wenn die Versuchsperson die Strichzeichnung nicht benennen konnte.
Die Aussagekraft ihrer Ergebnisse wird leider durch die geringe Größe der GDS 3 – Gruppe etwas beeinträchtigt (n = 8).

2.3 Gesprächsverhalten

Gesprächverhalten läßt sich leider nicht so einfach wie etwa Wortfindungsstörungen abtesten, es müssen diverse Tests kombiniert werden. Die Freiburger Forschungsgruppe am Neurolinguistischen Labor arbeitet an verschiedenen Testverfahren (2).

Verlauf und Fehleranalyse
Auch im Gesprächsverhalten werden an Alzheimer Erkrankte schon im Frühestadium auffällig; sie verwendeten gehäuft Floskeln (Greß – Heister 1996), und machten Äußerungen, bei denen nicht klar war, auf wen oder was sie sich bezogen und die dem aktuellen Gesprächsthema nicht angepaßt waren (Romero et al. 1995).
Weiterhin zeigten sie schon im Frühstadium (GDS 3) Defizite bei der Erkennung von Pantomime (Bayles 1992) und Gestik (Benke 1990), haben also vermutlich Probleme bei der Wahrnehmung und damit dem Verständnis des Gesprächspartners.
Auch unterschieden sie weniger zwischen wichtigen und unwichtigen Informationen in ihren Redebeiträgen (Tomoeda & Bayles 1993).
Der Informationsgehalt der Sprache wurde von Tomoeda & Bayles (1996) eingehend untersucht, indem sie die Versuchspersonen ein Bild beschreiben ließen.
Sie maßen die Anzahl von Wörtern und vermittelten Informationseinheiten, und bildeten daraus einen Index, den sie "conciseness" (etwa: Prägnanz) nannten.
Bereits die GDS 3 – Gruppe produzierte zwar genausoviel Wörter wie die Kontrollgruppe, vermittelte dabei aber deutlich weniger Informationen und hatte dementsprechend einen deutlich schlechteren Prägnanzwert. Die GDS 4 – Gruppe produzierte weniger Wörter, hatte aber ansonsten sehr ähnliche Werte, eine weitere deutliche Verschlechterung trat erst im Übergang zu GDS 5 auf.
In mittleren Stadien neigen Alzheimerkranke dazu, den "roten Faden" des Gespräches, also das Thema, zu verlieren (Benke 1990) und Fragen zu wiederholen (Greß – Heister 1996).
Ebenfalls im mittleren Stadium reduziert sich die syntaktische Komplexität der produzierten Äußerungen, weiterhin treten Perseverationen (Wiederholungen von bereits geäußerten Wörtern und Silben) auf und zunehmend Vollformen an die Stelle von Pronomina (Faupel 1998,1999). Eigene Fehler werden nur noch selten verbessert.(Benke 1990)

2.4 Sprachverständnis

Schon im Frühstadium stehen Alzheimerkranke vor Ausdrücken, die über die rein wörtliche Bedeutung hinausgehen, wie der sprichwörtliche Ochs vorm Berg: Humor, Sprichwörter und indirekte Analogien bereiten Probleme, Mehrdeutigkeiten können nicht mehr aufgelöst werden. (Benke 1990)
Bayles und Kaszniak (1987) berichten, daß an Alzheimer Erkrankte im frühen bis mittleren Stadium Probleme mit dem Verständnis logischer Zusammenhänge haben.
Das Verstehen von Sätzen ist nach Tomoeda et al. (1990) bereits im Frühstadium beeinträchtigt, komplexere syntaktische Konstruktionen werden im mittleren Stadium nicht mehr verstanden. (Benke 1990)
 

(2) Weitere Angaben zu vielen in diesem Überblick angesprochenen Punkten befinden sich in den Materialen zur Fortbildungsveranstaltuing "Sprachverarbeitung und Kommmunikationsverhalten bei Alzheimerscher Erkrankung" (Schecker et al. 1998).

3. Literaturangaben